Auf dem Highway #1 (Tag 9)

Zu früh trennen wir uns am Morgen des neunten Tages von unseren guten alten Freunden in Campbell. Ein Abend ist definitiv nicht genug, wenn man sich über zwei Jahre nicht mehr gesehen hat. Aber es hilft nichts: Wir sind ja gewissermaßen auf Mission – und die heißt heute Fahrt nach Santa Barbara. Da wir den Küsten-Highway #1 nehmen wollen, ist der heutige Tag auch unsere längste Etappe mit dem Käfer. Glücklicherweise macht sich kein Öl mehr außerhalb des Fahrzeugs bemerkbar, daher rechnen wir mit einer reibungslosen Fahrt. Zunächst geht es durch den Ort Los Gatos. Erinnerungen kommen hier auf, habe ich vor langer Zeit doch ein High School-Jahr hier verbringen dürfen. Bevor die Gefühle zu stark werden, biegen wir von Downtown auf den Highway 17 ab, der uns über den Pass der Santa Cruz Mountains bringen soll. Direkt am höchsten Punkt biegen wir auf die Summit Road Richtung Süden ab. Es ist Sonntag und der Strandverkehr ist nicht zu unterschätzen, vor allem, weil die Sonne heute ihr Allerbestes gibt. Außer starkem Radler-Verkehr ist die Summit Road ruhig. Hinter dem Summit Store geht es wieder nach Westen auf die San Jose-Soquel Road, eine wunderschöne Landstraße, die bergab durch die Redwoods bis nach Soquel führt, wo wir wieder auf dem Highway 1 treffen. Weiter geht es Richtung Monterey. Ein Obststand am Straßenrand sieht verlockend aus und wir halten an. Nach dem Glanz und Reichtum des Silicon Valley sind wir hier nun im Farmland angekommen, wenn auch nur einige wenige Meilen von der Küste entfernt. Frische Melonen, Orangen, Artischocken, Gewürze und vieles mehr werden zum Verkauf angeboten und wir schlagen zu. Dann fahren wir weiter an Monterey vorbei nach Carmel. Der Ort, den einmal “Dirty Harry” Clint Eastwood als Bürgermeister regierte, hat einen wunderbaren Strand, an dem wir ein weiteres Mal anhalten. Zahlreiche Wochenendler genießen den freien Tag am Pazifik. Was in USA selten ist: Dass Vierbeiner mit und vor allem ohne Leine herumtollen dürfen. Das ist hier heute der Fall, und so beobachten wir das rege Treiben der Zwei- und Vierbeiner und wünschten uns wieder einmal, länger bleiben zu können. Doch der Highway #1 ruft und wir erinnern uns an unsere heutige Mega-Etappe.

Die Strecke zwischen Carmel und Pismo Beach gehört nicht ohne Grund zu einer der schönsten Strecken der Welt. An der Steilküste windet sich die Straße kurvig durch den Fels, Brücken schaffen den Übergang über die vielen Seitentäler, man kommt an Big Sur und dem Hearst Castle vorbei und hat immer wieder die Möglichkeit, an einem der zahlreichen Vista Points anzuhalten und den Ausblick zu genießen. An einem dieser Parkplätze werden wir angesprochen. Was das für ein Papierkennzeichen am Käfer sei. Der Typ, der uns die Frage stellt, heißt Ivan, gebürtig in Montenegro und seit über zehn Jahren in Kalifornien. Er interessiert sich für unsere Story, denn er will im Herbst mit einem Auto von San Francisco nach Buenos Aires fahren und hat dabei auch schon an einen Käfer gedacht. Da er “auf dem Weg” auch das Kap mitnehmen, also den Umweg über Feuerland fahren möchte, misst seine geplante Strecke um die 18.000 Meilen. Wir raten ihm ab. Nicht dass der Käfer das nicht schaffen könnte, aber es erschwert das Vorhaben. Ivan sagt selbst, dass er vielleicht lieber einen Diesel-SUV mit Klimaanlage dafür nehmen wird. Warum er denn die Tour auf sich nehmen will? Ivan ist Filmemacher und will auf der Fahrt eine Dokumentation über das Glück drehen. “It’s all about happiness. By the way, what does that mean to you guys?”, fragt er uns. Wir sagen ihm, dass wir im Moment tatsächlich sehr glücklich sind. Auf Reisen ist das Glück immer ganz nah. Neugierig bleiben, Neues entdecken, beobachten, erleben, lernen. Frei sein. Das ist Glück. Da Ivan auf seiner Reise Menschen ebendies fragen und das Ganze aufnehmen möchte, zückt er sogleich seine Kamera und bittet uns, unsere Aussage noch einmal zu wiederholen. Danach kommen wir tiefer ins Gespräch. RoadTrip, unser Reisemagazin, wolle ja auch, dass die Menschen durch ihre Reisen Glück erfahren. Da könnte man doch bestimmt etwas zusammen machen. Wir beschließen, in Kontakt zu bleiben. Vielleicht kommt Ivans Geschichte dann auch mal bei uns ins Magazin. Aber wie kann er das alles bewerkstelligen? Geld allein mache nicht glücklich, helfe aber sicher bei seinen Projekten. Ein weiteres davon ist seine Website blueturtle.com, erzählt er uns. Mit seinen Aktionen und Projekten möchte er mit der Website etwas bewegen. Für den Planeten. Für die Menschen. Für unsere Zukunft. Wir reden noch ein paar Minuten darüber, doch es drängt uns weiter nach Süden. Wir versprechen uns gegenseitig, Kontakt zu halten, und wünschen Ivan für den Happiness-Trip alles Gute. Er macht noch ein Foto von uns und dem Beetle und wir verabschieden uns. Im Auto schütteln wir ungläubig den Kopf. Welch eine Reise. All diese Menschen, die wir bisher kennengelernt haben… Es kommt uns fast irreal vor, doch wir sitzen wirklich hier im Auto und erleben all dies! Besser kann es eigentlich nicht sein.

Statt einer Mittagspause holen wir uns in einem Café am Highway 1 einen starken Kaffee und spulen weiter Meilen herunter. Wir beschließen, durchzufahren, allerdings unterbrechen wir die Fahrt schon bald wieder am Elephant Seal Beach. Mehrere hundert See-Elefanten liegen an einem Stück Strand. Das muss man gesehen haben! Ob die sonst recht faul in der Sonne liegenden Jungs hier nur Pause machen oder zur Brautschau hier sind, können wir nicht herausfinden. Allerdings finden ein paar Schaukämpfe zwischen einigen der größeren Exemplare statt, was die Vermutung nahe legt, dass es hier um die Brautschau geht. Wirklich beeindruckt schießen wir unzählige Bilder und steigen wieder in den Käfer. Der letzte Abschnitt der heutigen Strecke ruft. Wir wollen vor Santa Barbara aber auch noch zur Neverland Ranch, da Los Olivos fast direkt auf dem Weg liegt. Michael Jacksons ehemaliges Zuhause soll dort irgendwo in den Hügeln liegen, allerdings wissen wir auch, dass man die Ranch nicht besichtigen, sondern nur von außen ansehen kann. Da es langsam schon dämmert, legen wir einen Zahn zu und kommen mit dem letzten Licht in das Tal hinter Los Olivos. Das Navi führt uns zu einer Einfahrt mit einem schmucklosen Tor. Kein Haus zu sehen. Und das Tor sah in den vielen Berichten nach MJ’s Tod auch irgendwie anders aus. Wir zweifeln. Aber als wir genauer hinsehen, finden wir kleine Blumensträuße, auf den Asphalt und die Mauer gemalte Grüße und Sprüche. Das muss es dann wohl doch sein. Die Mauern links und rechts des Tores und ein Podest in der Einfahrt sehen irgendwie auch bekannt aus. Wir können nicht googeln, da wir kein Daten-Roaming in den USA haben. Aber unsere spätere Nach-Recherche bestätigt unsere Vermutung: Diese Einfahrt ist die zu Neverland. Das Tor wurde nach Jacksons Tod ausgetauscht, die Statue auf besagtem Podest entfernt. Zu viele Fans kamen bereits her, einige wohl bereit, sich Erinnerungsstücke an ihr Idol mitzunehmen. Obwohl wir so gut wie nichts sehen können (da erstens nicht viel zu sehen ist und zweitens der Tag zu Ende geht), macht uns dieser Ort doch nachdenklich. Es wird dunkel, der Vollmond weist uns den Weg zurück nach Los Olivos und von dort geht es letztendlich bis nach Santa Barbara. Wir haben uns im Indigo Boutique Hotel eingemietet. An der Bar trinken wir noch ein Feierabendbier und diskutieren über den King of Pop, den Glücksreisenden Ivan, unsere Tour…. Morgen ist der letzte Tag der Käferfahrt. Wir sind fast am Ende angekommen. Kaum zu glauben. Während der letzten Woche hatten wir oft den Eindruck, schon unendlich lange unterwegs zu sein. Jetzt endet alles plötzlich viel zu schnell. Aber noch haben wir einen Tag. Und die letzte Etappe bis nach Los Angeles…

Bay Area - Santa Barbara

Fotos: © RoadTrip/Wolfgang Greiner

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