Auf nach Sin City (Tag 4)

Der Morgen in Lake Havasu beginnt etwas zäh. Der erste Tag im Käfer war absolut aufregend und positiv, allerdings merken wir neben unserem langsam ausklingenden Jetlag auch deutlich, dass das Offenfahren, die Frischluft, der Sonnenbrand und das puristische Fahrgefühl im VW auf langer Strecke in die Knochen gehen. Auch sind wir etwas enttäuscht, denn das vermeintliche Party-Mekka Lake Havasu ist nicht wirklich das, was wir uns erwartet hatten. Von Spring Break ist hier keine Spur, das Hotel und der Außenbereich am Wasser wirken verschlafen und verlassen. Auch nachts störte uns keinerlei Lärm aus der im Untergeschoss liegenden Disco. Und dabei hätten wir so gerne einmal gesehen, wie die amerikanischen College-Stundenten ihre Frühjahrsferien feiern. Soll ja ganz schön ausgelassen sein… Wir wussten von vorneherein, dass dies die letzte Woche des Partymarathons sein würde, aber dass gar nichts mehr los ist? Das Ganze hat aber auch Vorteile: keine durchzechte Nacht, ausreichend Schlaf getankt und früh wieder im Sattel. Und vielleicht sind wir mittlerweile einfach auch schon etwas zu alt für Spring Break… Wir gehen zum Frühstück, das vielversprechend als Buffet angekündigt war. Da das Zimmer im London Bridge Resort über 200 Dollar die Nacht gekostet hat (und somit eines der teuersten der ganzen Reise war), erwarten wir uns Großes und Gutes. Weit gefehlt. Party-Aufschlag ohne Party. Und das “Buffet” ist traurig und schlechter als im billigen Days Inn in Flagstaff – wenn auch mit nur halb so viel Plastik. Mit dünnem Kaffee, falschem Rührei und Toast flüchten wir auf die Terrasse in die warme Wüstenmorgenluft. Ein paar Tauben wollen sogleich unser Brot entführen, der Hotelgärtner schmeißt den Rasenmäher an. Es reicht. Lake Havasu scheint dieses Mal nicht unser Fall zu sein, und wir beschließen, schnell zurück auf die Straße zu kommen. Auschecken, bitte!

Erneut beladen wir den Käfer. Zwei Reisetaschen in den Kofferraum vorne, zwei kleine Taschen und die Fotosachen auf die Rückbank. Perfekt. Einsteigen, Schlüssel drehen und… nichts. Der Anlasser gibt keinen Mucks von sich. Batterie ist voll, alle Lichter leuchten, aber keine Zündung. Kurzer Schock, aber Felix kennt das Phänomen. Nach langen Autobahnfahrten will der Anlasser oft nicht. Eine Käferkrankheit. Ein Schlag auf die richtige Stelle am Motor kann wohl Abhilfe schaffen. Oder einfach anschieben. Wir entscheiden uns für Letzteres. Auf ihren 165er Reifen lässt sich die silberne Lady einfach rangieren und in Fahrt bringen. Zweiter Gang, Kupplung kommen lassen. Und schon ist der Motor da. Nach ein paar Metern kommt eine abschüssige Stelle, also Motor wieder aus, Zündschlüssel neu drehen… alles geht. Erleichtert lassen wir das London Bridge Resort hinter uns. Und resümieren kurz, dass der Lake Havasu sicherlich recht schön ist und auch auf einem längeren RoadTrip ein angenehmer Badestopp sein kann. Auch die umliegenden Berge bieten wohl einiges an interessanten Ausflügen, wie uns die Dame an der Rezeption am Vorabend noch erklärt hatte. Oder man geht Golfspielen. Aber für uns und unseren Trip war Havasu im Nachhinein irgendwie unnötig. Vor allem, da wir die ersten 40 Meilen des Tages auf der Strecke zurückfahren, die wir gestern gekommen waren. Danach jedoch rollen die vier Pneus unseres Käfers auf neuem Asphalt: Den des Highways durch die Wüste Richtung Las Vegas. Sin City, wir kommen!

Vor Las Vegas haben wir uns auf der Karte noch einen Stopp in einem Ghosttown namens Nelson angestrichen. Ein kleiner Umweg von lediglich zweimal 20 Meilen, der sich mehr als lohnen würde, auch wenn wir angesichts der ziemlich weit links hängenden Tanknadel leicht nervös werden. Es geht durch die El Dorado Berge stetig bergauf, dann fällt die Straße steil in den El Dorado Canyon ab. Links und rechts entlang der Straße steht dann ein riesiges Freiluftmuseum. Alte Gebäude, alte Autos, alte Minen, altes Irgendwas – wäre dies hier kein Ghosttown und hätte es nicht eine Historie zurück bis ins Jahr 1775 als Gold-, Silber- und Kupfermine, Nelson (ursprünglich von den Spaniern Eldorado genannt) wäre eigentlich ein großer Schrottplatz. Doch jedes Stück Metall, jeder Reifen, jede Flasche, jedes Schild, jedes Haus, jedes Brett und jedes andere “Ausstellungsstück” hat hier Geschichte… auch wenn sie nicht unbedingt erklärt wird – doch beim Durchwandern und Durchstöbern spielt die Phantasie verrückt und man hat schnell für alles die richtige Story parat. Wer Interesse hat, kann hier auch an Touren durch den Ort und zu den Minen teilnehmen, dann erfährt man sicherlich mehr darüber. Wir kaufen uns lieber eine kalte Coke im Andenkenladen, der ebenso wild und unaufgeräumt aussieht wie der Rest. Wer’s mag, kann sich hier in Harz eingelassene Skorpione als Halskettenanhänger kaufen…

Nelson ist einfach großartig. Ein Ort, an dem man sich vieles vorstellen kann. Wie hart muss das Leben damals hier oben in den Bergen über dem Colorado River gewesen sein. Abseits jeder Zivilisation, immer auf der Suche nach den edlen Metallen, die sich in den Bergen verbargen und für wenige Reichtum bedeuteten. Was heute wie ein Abenteuerspielplatz anmutet, war einst bitterer Ernst, purer Kampf ums Überleben. Wir sind auf jeden Fall beeindruckt und stellen unseren Käfer neben ein paar ältere Artgenossen Baujahr 61 und 67 für ein kurzes Foto im Kreis der Familie, bevor wir wieder weiterziehen. Und dann fahren wir den Canyon erst wieder hinauf und dann zum Highway herunter, immer die Tanknadel im Auge. Unsere Sorge war allerdings völlig unbegründet. Als wir zehn Meilen später in Boulder City an die Tanke rollen, ist sogar noch so viel Benzin im Tank, dass wir es vermutlich bis Las Vegas geschafft hätten. Aber lieber kein Risiko eingehen. Die letzten Meilen mit Blick auf die Skyline von “LV” schwärmen wir noch immer von Nelson. Als wir auf den Las Vegas Boulevard einfahren und uns langsam von Ampel zu Ampel Richtung Hotel hangeln, vergessen wir die Geisterstadt jedoch sehr schnell. Zu eindrucksvoll ist diese selbst im Tageslicht glitzernde und leuchtende Stadt – das absolute Gegenteil zu Nelson. Da ich das letzte Mal vor etwa 13 Jahren hier war, erkenne ich kaum etwas wieder, wurden mittlerweile doch zahlreiche neue Casinos und Hotels gebaut, während andere einfach nicht mehr existieren. Selbst Felix, der erst vor zwei Jahren hier war, entdeckt neue Hochhäuser und Spieltempel. Wir sind in Sin City gelandet.

Havasu-Las Vegas

Fotos: © RoadTrip/W. Greiner

 

 

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