Heliskiing in B.C. – wenn Träume wahr werden

Heutzutage bringen uns Skilifte auf der ganzen Welt auf die wunderbarsten Gipfel, und wer die eigene Muskelkraft einsetzen kann oder mag, dem steht theoretisch so ziemlich die ganze (verschneite) Bergwelt offen. Ob im Skigebiet, abseits der Pisten oder im Backcountry: Die Möglichkeiten sind schier unendlich, insofern es die Verhältnisse und die Sicherheit zulassen. Aber es gibt noch ein weiteres Abenteuer, das wohl in jedem Skifahrerhirn umherspukt: Einmal Heliskiing! Die größte Hürde dabei: Es ist kein billiger Spaß, aber – schon einmal vorweggenommen – jeden Cent wert. Vorausgesetzt, man liebt es, auf tief verschneiten Hängen, die sonst niemand so einfach erreicht, erste Spuren zu hinterlassen. Und wenn das dann noch in den kanadischen Rocky Mountains der Fall ist, dann sind gleich mehrere Träume erfüllt.

© Wolfgang Greiner

Auch wenn bekannt ist, dass es in einigen Regionen (z.B. in Alaska) bereits in den 1950er Jahren derartige Angebote gab, gilt ein Österreicher namens Hans Gmoser landläufig als der Erfinder des kommerziellen Heliskiing: Geboren 1931 in Linz, Österreich, wanderte er 1951 nach Kanada aus und machte sich schnell einen Namen als einer der Pioniere des Bergsports in den Rockies. Er eröffnete neue Kletterrouten, führte Expeditionen und befuhr Berge, die bis dato noch keinen Skifahrer gesehen hatten. 1957 gründete Gmoser die kleine Firma Rocky Mountain Guides, aus der 1959 Canadian Mountain Holidays (CMH) entstand, um seiner Leidenschaft einen geschäftlichen und vermarktbaren Rahmen zu geben. 1963 war er Mitbegründer der Association of Canadian Mountain Guides (ACMG) und deren erster Vorstand. Vor über 50 Jahren, im April 1965, wagte es Gmoser zum ersten Mal, Kunden mit einem Hubschrauber auf die Gipfel der Bugaboo Mountains zu fliegen. Dass er allgemein als der Heliskiing-Erfinder gesehen wird, ist wohl der Tatsache geschuldet, dass seine Firma CMH im Gegensatz zu anderen Unternehmungen beständig wuchs und bis heute erfolgreich in diesem Geschäft tätig ist. Während Hans Gmoser 2006 in Canmore, Alberta, verstarb, ist der Erfolg seiner Firma CMH bis heute ungebrochen. Seine Nachfolger betreiben aktuell elf Heliski-Gebiete in den kanadischen Columbia Mountains auf einem Gesamtareal von mehr als 15.700 Quadratkilometern.

Die meisten CMH Lodges befinden sich in eher abgelegeneren Regionen, zu denen man mangels Straßen bereits mit dem Helikopter eingeflogen wird. Anders verhält es sich mit dem Lodge in dem kleinen Ort Nakusp in British Columbia. Die bisher als „CMH K2“ bekannte Heliskiing-Basis am Ufer des Upper Arrow Lake ist bequem mit dem Auto zu erreichen, außerdem kann man während des Aufenthalts auf die zahlreichen Ressourcen des Ortes zurückgreifen – darunter Restaurants, Shopping und viele andere Annehmlichkeiten. So können auch Nichtskifahrer ausreichend Aktivitäten finden, und an den so genannten „Down Days“ (Schlechtwetter- oder Pausentage) wird niemandem langweilig. Nachdem dieses Jahr eine langjährige Kooperation mit dem Skihersteller K2 beendet wurde, wird das K2 Rotor Lodge nun offiziell als „CMH Kootenay“ vermarktet. Im Februar 2017, als die SkiPresse in Nakusp zu Gast war, war das Ende der Zusammenarbeit mit K2 bereits bekannt, doch Rob Whelan, Leiter des Lodges, stellte bereits zum damaligen Zeitpunkt klar, dass sich an den Angeboten von CMH Kootenay nichts ändern wird.

Das CMH Kootenays Lodge (früher “CMH K2 Lodge”) in Nuakusp, B.C. © Wolfgang Greiner

Um nach Nakusp zu gelangen, fliegt man von Deutschland aus am besten über Vancouver nach Kelowna im Okanagan Valley im Herzen British Columbias. Von dort geht es mit einem Shuttle gut drei Stunden nach Osten bis zu der Lodge am Arrow Lake. Unmittelbar nach der Ankuft erfolgt eine Einführung mit Briefing und Materialvergabe. Jeder Teilnehmer erhält einen kompakten Rucksack mit dem nötigen Sicherheits-Equipment und ein Funkgerät. Wer keine eigenen Skier mitgebracht hat, kann aus einem breiten Sortiment an Powder-Latten auswählen. Skistiefel und sonstige Ausrüstung sollte man selbst dabeihaben. Hat man etwas vergessen, ist alles im Lodge-eigenen Shop erhältlich. Natürlich darf auch der Papierkram nicht fehlen: Aus Versicherungsgründen wird, wie in Nordamerika üblich, die ein oder andere Unterschrift unter viel Kleingedrucktes gesetzt. Außerdem hat man die Möglichkeit, sich in weiser Voraussicht für abendliche Massagen einzutragen – ein kostenpflichtiges Zusatzangebot, das im Laufe der Heliski-Woche selbst bei den fittesten Skifahrern rasant an Beliebtheit gewinnt. Ein bisschen – oder deutlich – mehr als durchschnittliche Fitness ist fürs Heliskiing nämlich auf jeden Fall nötig, denn wer Tag für Tag möglichst viele Höhenmeter machen will, der sollte auch genug Schmalz in den Muskeln mitbringen. Vor allem, da das Gelände in den Kootenays und Selkirks durchwegs anspruchsvoll ist.

Hauptstraße von Nakusp, B.C. © Wolfgang Greiner

Das Heliskigebiet von Nakusp erstreckt sich über zwei Gebirgsketten: Die Selkirks und die Monashees, beide Teil der Columbia Mountains am westlichen Rand des Rocky Mountains-Hauptkammes. Das Gebiet ist so groß, dass es von mehreren Helikopterplätzen aus bedient wird, zu denen die Gruppen jeden Morgen mit Vans gebracht werden. Zahlreiche Tree Runs in den niedrigeren Gefilden und jede Menge Steilhänge in den Höhenlagen sorgen dafür, dass der Puls nicht nur angesichts der traumhaften Bergwelt kontinuierlich auf Maximum arbeitet. Da je nach Wetter- und Schneelage unterschiedlichste Expositionen und Höhen angeflogen werden, ist auch der Schnee nicht immer nur „easy going“. Von „bottomless Powder“ bis Nassschnee ist alles möglich. Eine Garantie für Traumbedingungen gibt es nicht – man ist eben mitten in der Natur. Auch Schlechtwettertage sind daher möglich. Da die Heikopter auf Sicht fliegen, kann es also durchaus vorkommen, dass man sich die Zeit anderweitig vertreiben muss und im Lodge bleibt, bis es aufklart. Ob geflogen wird oder nicht, erfährt man bereits beim Frühstück oder bei der optionalen Morgengymnastik davor. Diese ist höchst empfehlenswert, denn der Muskelkater lässt nie lange auf sich warten. Womit wir wieder bei der Fitness wären. Diese ist nicht nur für die kilometerlangen Abfahrten wertvoll. Wer auf dem Weg nach unten einmal die Kontrolle verliert, den kostet auch das Aufrappeln aus dem weißen Gold oder ein kleiner Aufstieg zum verlorenen Ski so viel Kraft wie ein kurzer Waldlauf im Stadtpark. Hilfe kann man sich maximal von seinem „Ski Buddy“ erwarten – innerhalb der Gruppe sollten immer zwei Skifahrer ein Auge aufeinander werfen. Kontakt hält man dabei überlicherweise durch regelmäßige, kurze Zurufe während der Abfahrt, die man brav erwidern sollte. Erhält man keine Antwort, tut man gut daran, möglichst schnell in Erfahrung zu bringen, ob der Skikumpel in einem Baumloch steckt oder anderweitig abhandengekommen ist. Hierbei kommen die anfangs verteilten Funkgeräte ins Spiel, über die der Heliski-Guide und die Gruppe untereinander kommunizieren.

Sicherheitseinweisung: Lawinen- und Helikunde vor dem ersten Flug © Wolfgang Greiner

Bevor es zum ersten Mal auf den Berg geht, steht im Tal eine ausführliche Sicherheitseinführung an. Die am Abend zuvor zusammengestellten Gruppen erhalten von ihrem zugewiesenen Guide eine Einweisung in die Besonderheiten des Hubschraubers und des Funkgerätes, außerdem wird eine LVS-Suche durchgeführt. Auch wenn man mit der Verschüttetensuche bereits vertraut ist, ist ein Auffrischer für den Umgang mit LVS und Sonde immer wieder sinnvoll – nicht nur, um für den Notfall gerüstet zu sein, sondern auch, um noch einmal zu realisieren, dass man die kommenden Tage mit den Launen der Natur konfrontiert sein wird. CMH legt großen Wert auf Risikominimierung. So wird das gesamte Fluggebiet täglich gescoutet, Wetter- und Schneedaten ständig aktualisiert und bei der Tagesplanung berücksichtigt. Bei einem täglich stattfindenden Meeting der Guides am Abend werden außerdem alle Auffälligkeiten am Berg registriert und ebenfalls in die weitere Planung mit aufgenommen. Dies betrifft nicht nur die Lawinen- und Schneesituation, sondern auch das Tierleben im gesamten Fluggebiet. Frische Caribou-Spuren führen zum Beispiel bereits dazu, dass gesamte Berge für mehrere Tage vom Flugplan gestrichen werden.

© Wolfgang Greiner

Der erste Tag dient nicht nur der Einweisung und Akklimatisation im Schnee. Da die Heligruppen zunächst nur aufgrund der Selbsteinschätzung der Teilnehmer arrangiert wurden, wird nach dem ersten Skitag gegebenenfalls neu verteilt, um sicherzustellen, dass die Gruppen homogen sind und sich auf einem nahezu gleichen Leistungslevel befinden. Denn Unzufriedenheit bei der Kundschaft soll unter allen Umständen vermieden werden. Während ein nicht gerade geringer Teil der Gäste aus Rückkehrern besteht (teilweise befinden sich darunter „Höhenmeter-Millionäre“, die man bereits an ihren CMH-Jacken erkennt, die die treuesten der treuen Stammgäste als Belohnung erhalten), sind auch viele Skifahrer an Bord, die sich ihre Heliskiing-Woche mühsam erspart haben. Für sie ist es die Erfüllung eines lang ersehnten Traums, ein „once in a lifetime“-Erlebnis, das nicht von Kleinigkeiten wie einer unausgeglichenen Gruppe vermiest werden sollte. Auch wechseln die Guides täglich die Gruppe, denn jeder hat seine eigenen Vorlieben, kennt andere „Secret Spots“ und weiß neue Geschichten zu erzählen. Nicht, dass man etwa viel Zeit für Konversation hätte – man ist ja zum Skifahren hier und nicht beim Kaffeekränzchen. Tagsüber gibt es nur wenige Ruhephasen, und die einzige, in der man länger reden kann, ist die tägliche Mittagspause, bei der sich alle Gruppen hoch oben am Berg zusammenfinden, um die eigens eingeflogenen Sandwiches, Suppe und Tee zu sich nehmen. Die übrigen Verschnaufspausen finden im Heikopter statt, und da wird aufgrund der Lautstärke nur per Handzeichen kommuniziert. Einen erfahrenen Heliskifahrer erkennt man übrigens auch daran, dass er Ohrenschützer mit dabei hat, die nicht nur während des Flugs, sondern auch bei den Lande- und Startvorgängen durchaus Sinn machen. Bei diesen fühlt man sich als Heliski-Greenhorn irgendwie an einen Hollywoodfilm erinnert: Nachdem jeder Teilnehmer Skier und Stöcke zu einem ordentliche Paket zusammengeschnürt und auf der rechten Seite des Landeplatzes abgelegt hat, heißt es, sich zur Linken in den Schnee setzen und kauernd auf das Lufttaxi warten. Zentimetergenau setzt dann der Hubschrauber zwischen den Skibündeln und der Gruppe auf. Begleitet vom Lärm der Roteren (Ohrenschützer!) und aufwirbelndem Schnee (Goggle und Kapuze!) muss es nun schnell gehen: Während der Guide die Ski in den außen am Heli angebrachten Korb wirft (Leihski!), öffnet und hält der designierte „Doorman“ die Helitür. Es folgt eine Art Tetris, bis der Doorman die Türe schließt und verriegelt. Nach nicht mehr als zwei Minuten schwebt man bereits wieder dem nächsten Gipfel entgegen. Denn es gilt, keine Zeit zu verlieren. Wie gesagt, man ist zum Skifahren hier, nicht zum Ausruhen oder für einen Panoramaflug. Denn am Ende eines Tages zählen für jeden die gefahrenen Höhenmeter. Um die 25.000 Fuß, knapp 8.000 Meter, kann eine durchschnittliche Gruppe pro Tag locker schaffen. Wie viele es tatsächlich waren, wird jeden Abend am schwarzen Brett ausgehängt. Natürlich vergleicht jeder seine Gruppenleistung mit der der anderen, was dann auch für Gesprächstoff beim gemeinsamen Abendessen im Lodge sorgt. Das ist im Rotor Lodge übrigens ausgezeichnet und stellt sicher, dass die Energiereserven wieder neu aufgefüllt werden, um am nächsten Tag vielleicht ein paar hundert Fuß mehr als der Tischnachbar zu schaffen. Was die Höhenmeter angeht, ist es übrigens so eine Sache. Im Grundpreis ist nur eine bestimmte Anzahl enthalten. Je nach gebuchten Paket, skifahrerischer Stärke der Gruppe und Wetter- bzw. Schneeverhältnissen kann dieses Konto bereits nach zweieinhalb oder drei Tagen aufgebraucht sein. Wer dann noch weiterfliegen und -fahren will, der zückt die Kreditkarte – oder bleibt im Lodge, während sich die anderen weiter im Schnee vergnügen. Eine Option, die in der Regel für keinen Gast in Frage kommt. Allerdings sollte man sich dessen bereits vorher bewusst und das Bankkonto mit einem gewissen Puffer aufgefüllt sein. Dass sich am Ende niemand lumpen lässt, ist wohl vor allem der Tatsache zu verdanken, dass man beim Heliskiing nur auf absolute Skiverrückte trifft. Warum oder wofür sollte man auch sonst hier sein? Sightseeing oder Wellness kann man auch woanders machen – und preiswerter. Und so ist man während des Aufenthalts in der Heli-Lodge auch ausschließlich unter Gleichgesinnten. Man kennt sich, auch wenn man sich zuvor noch nie getroffen hat. Und die Höhenmetermillionäre (die eigentlich Höhenfuß-Millionäre sind, da hier alles in Fuß gerechnet wird), kennen sich sowieso, egal ob Banker aus New York, Immobilienmakler aus Australien, Ingenieur aus Montréal oder Angestellter aus Mexiko City. Es werden Freundschaften geschlossen, und nicht selten verabredet man sich für den nächsten Winter – oder den Winter in vier oder fünf Jahren. Es wird nicht geprotzt oder angegeben. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass die Träger der Höhenmeter-Millionärsjacke nicht so lange auf das nächste Heli-Abenteuer sparen müssen wie andere. Denn wenn der Ski Buddy am Berg nicht auf das ausgemachte Zeichen reagiert oder die Gruppe gemeinsam nach einem verlorenen Ski gräbt, ist das Vermögen auf dem Bankkonto völlig egal. Was hier zählt, ist der gemeinsame Nenner: Das Skifahren. Und das ist jeden Cent wert, egal wie hart man es sich erarbeitet hat. Denn Heliskiing ist und bleibt ein Traum für jeden Skifahrer, den man sich einmal im Leben erfüllen sollte.

© Wolfgang Greiner

 

Mehr Fotos gibt es bei uns im App Magazin!

INFORMATIONEN

CMH Heliskiing: www.canadianmountainholidays.com

CMH Lodges:
Adamants, Bighorn, Bobbie Burns, Bugaboos, Cariboos, Galena, Gothics, Kootenay (ehem. K2), Monashees, Nomads, Revelstoke, Valemount

Region: British Columbia, Kanada

Saison: Dezember bis April

Kosten: Die Pakete bei CMH variieren je nach Lodge, Aufenthaltsdauer, Höhenmetern, Gruppenstärke und Buchungszeit. 4 Tage in einer „Small Group“ in CMH Kootenay sind z.B. im Dezember ab 4.305 CAN$ zu haben, in der besten Zeit (Ende Februar) reichen die Preise bis 9.540 CAN$ (5 Tage, Small Group). Enthalten sind Transfer ins Lodge, Übernachtung, Leihski und -stöcke, Sicherheitstraining, Leih-Sicherheitsausrüstung und -Funkgerät, Basis-Höhenmeter, Guiding und Mahlzeiten. Nicht enthalten sind Flug aus Deutschland, zusätzliche Höhenmeter, alkoholische Getränke, Massagen und sonstige persönliche Ausgaben.

(alle Fotos © Wolfgang Greiner)