Durch die Wüste nach Tonopah (Tag 5)

Nach einem ausgiebigen Frühstück im Roxy Diner des Stratosphere Casinos fahren wir ein letztes Mal über den Strip durch die Spielerhauptstadt. Wie ausgestorben liegen die Casinos zu unserer Linken und Rechten. Wo gestern noch Menschenmassen durch das Lichtermeer schwammen, herrscht heute in der Morgensonne absolute Ebbe. Die Stadt bleibt dennoch beeindruckend und überwältigend. Für ein Abschiedsbild finden wir beim Cosmopolitan Hotel zwei Revuegirls, die sich bereitwillig mit unserem Käfer ablichten lassen. Dann haben wir genug von Las Vegas und bahnen uns den Weg zum Highway 95, der uns nach Norden durch die Wüste bringen soll. Durch die Vororte der Metropole geht es Richtung Berge in ein breites Tal, wir durchqueren ein Indianerreservat, fahren an einem Wegweiser zu einem Skigebiet vorbei. Die Berge links sind noch schneeweiß. Skifahren. Nichts, was man in der näheren Umgebung von Vegas erwarten würde. Weiter geht es Richtung Horizont, die Luft wird wärmer, die Sonne stärker.

Der Highway 95 verläuft westlich entlang der Area 51, einem militärischen Sperrgebiet von etwa 100 km² Fläche, um das sich so manche Verschwörungstheorie bezüglich außerirdischer Lebensformen rankt. Man bekommt davon auf der Fahrt alerdings kaum etwas mit. Ab und zu ein Schild mit grünen Männchen oder ein Warnhinweis des amerikanischen Militärs. No Trespassing. Angesichts der endlosen, öden Weite kämen wir nie auf den Gedanken, die Sicherheit der asphaltierten Straße zu verlassen. Auf halber Strecke halten wir an einer Tankstelle mit angeschlossenem Area 51 Museum. Wie sich herausstellt, handelt es sich dabei jedoch vielmehr um einen Souvenirladen mit angeschlossenem Freudenhaus. Diese Art Einrichtung ist in Amerika ausschließlich noch in einigen Counties Nevadas legal. Sieht man genauer hin, findet man vor allem auf dem Highway 95 tatsächlich mehrere Wegweiser zu ebensolchen Etablissements, die allerdings aus der Ferne weder einladend noch wirklich geöffnet aussehen. Wir fragen uns, wer hier wohl mehrere hundert Meilen durch die Wüste fährt, um von dieser Art Dienstleistung Gebrauch zu machen. Die Tankstelle des “Alien Cathouse” verlassen wir mit vollen Tank, frischem Kaffee und ein paar Erinnerungsfotos mit Papp-Aliens. Und weiter geht es durch die Wüste. Unser Ziel heißt Tonopah, etwa auf halbem Weg zwischen Las Vegas und dem Lake Tahoe.

Die Fahrt ist nicht gerade abwechslungsreich. Der Käfer surrt gleichmäßig über die Straße, die immer wieder durch weite Sandfelder führt. Unsere Geschwindigkeit ist angehnehm und nicht gerade bummelig, auch wenn uns ständig riesige Moster-LKWs überholen. Wir halten an, testen den Sand am Straßenrand, der überraschenderweise knallhart ist, fahren rechts einfach querfeldein und nutzen das Szenario für ein paar “Käfer-in-der-Wüste”-Fotos. Hier eine Panne zu haben und liegen zu bleiben ist sicherlich kein Spaß, auch wenn die Straße relativ gut frequentiert ist. Doch würde jemand im Notfall anhalten und helfen? Wir wollen es besser nicht ausprobieren.

Die letzten Meilen bis Tonopah steigt die Straße kontinuierlich leicht an und die Vegetation verändert sich wieder. Es sieht langsam wieder mehr nach Steppe aus. Auf der Passhöhe erreichen wir unseren heutigen Zielort nach rund fünf Stunden Wüstenfahrt. Neben einer Tankstelle steht ein alter, verlassener Fastfood-Laden. Von dem gelben M an der Gebäudeseite ist nur noch der Umriss zu erkennen. Die Inneneinrichtung ist noch komplett, der Drive-In-Schalter hat ebenfalls überlebt. Das Gebäude scheint jedoch schon länger leer zu stehen, denn rund um den ehemaligen Burgertempel hat das Unkraut schon Oberhand gewonnen. Da es später Nachmittag ist, verwöhnt uns die Sonne mit dem Licht der “Magic Hour” und wir nutzen den alten McD als Kulisse für ein paar weitere Käfer-Fotos. Dann gehen wir auf Zimmersuche. Ein paar hundert Meter weiter befindet sich die Tonopah Station. Schon auf der Fahrt hatten Werbetafeln immer wieder auf dieses Casino/Hotel hingewiesen. Hier kann man um sein Zimmer würfeln. Drei gleiche Zahlen und man übernachtet kostenlos. Das Gebäude im Western-Stil sieht interessant aus und wir fragen an der mit allerlei Memorabilia geschmückten Rezeption nach einem Zimmer. Eines ist noch frei. 70 Dollar. Ich darf würfeln. 4, 5 und 6. Ich hole meine Kreditkarte heraus, dann holen wir die Koffer.

Das ganze Haus ist wie ein Museum. Erinnerungsstücke aus der Zeit der ersten Siedler, der Suche nach Edelmetallen, den ersten Casinos. Ein wenig heruntergekommen, aber sehr liebevoll ist die Tonopah Station ein echtes Erlebnis. Arbeiter einer nahegelegenen Baustelle, einheimische Rentner und ein paar wenige Touristen finden sich im Casino, im Saloon und Restaurant ein. Wir trinken an der Bar ein Bier, um den Wüstendurst zu löschen, und begeben uns dann in den Diner. Erst jetzt bemerken wir, dass heute das Frühstück bisher die erste und letzte Mahlzeit war. Hungrig bestellen wir einen Burger, der am Ende wieder einmal viel zu groß ist. Zufrieden und satt schleppen wir uns durch die einarmigen Banditen, das Hotelmuseum und über den viel zu langen Gang mit viel zu vielen Treppenstufen zu unserem Zimmer. Diesen Wüstentag haben wir überstanden, viel wichtiger noch: Der Käfer hat ihn mit Bravour gemeistert. Mal sehen, ob er die zweite Wüstenetappe bis Carson City morgen genauso gut überstehen wird…

Las Vegas - Tonopah

 

 

Schreibe einen Kommentar