Flagstaff – Der Käfer wartet (Tag 2 & 3)

Nach einer langen Fahrt von L.A. über Palm Springs und Prescott abends endlich in Flagstaff angekommen, beziehen wir unser Zimmer im Days Inn an der I-40. Das Hotel ist sauber und ausgesprochen preiswert mit unter 50 Dollar die Nacht. Das Beste: Der von der Verkäuferin gewählte Treffpunkt für die morgige Übergabe des VW Käfers liegt direkt daneben. Wir sind aufgeregt. Und reißen ein paar Witze darüber, was wohl sein wird, wenn der “Beetle” nicht wirklich gut in Schuss ist oder wir unser Gepäck darin nicht unterkriegen oder, oder, oder… Nach einem guten Steak fallen wir nach der langen Fahrt im komfortablen Mustang zufrieden und doch aufgeregt ins Bett. Morgen wird das 300PS-Auto Baujahr 2014 gegen 50PS aus dem Jahr 1979 eingetauscht …

Die Nacht war kurz. Mein Jetlag ist um 4 Uhr morgens ein äußert unwillkommener Wecker. Sollte ich jemals wieder den Luxus eines Liegesitzes im Flieger haben, werde ich diesen auch zum Liegen und Schlafen nutzen. Aber es hilft nichts – einmal wach, ist aufgrund der Anspannung, wie das Auto sein wird und ob Übernahme, Versicherung und Zulassung ohne Probleme von statten gehen, an weiteren Schlaf nicht mehr zu denken. Dünner Zimmer-Maschinenkaffee und ein Müsliriegel, eMails lesen und beantworten, den Reiseplan der nächsten Woche noch einmal checken. Draußen ist es kalt. Hatte es gestern bei unserer Ankunft hier gut 20 Grad Celsius, sind es jetzt gerade mal 1,5°. Flagstaff liegt auf rund 2.100 Metern Höhe und es ist Anfang April. Auf den Bergspitzen liegt noch Schnee. Kein Wunder also. Mit der aufgehenden Sonne kommt allerdings auch bald die Wärme wieder zurück. Um 7 Uhr gehen wir zum Frühstück. Das “Continental Breakfast” entpuppt sich als ordentliches Buffet mit frischen Waffeln, Toast, Müsli, Kaffee, Saft und anderen Kleinigkeiten. Wirklich bemerkenswert für den Preis des Zimmers. Allerdings ist alles – wirklich alles! – in oder auf Plastik. Da ich gerade ein Buch lese, in dem es um den Selbstversuch der Autorin geht, einen Monat lang ohne Plastik auszukommen, frage ich mich, ob das nicht irgendwie anders zu machen wäre… Mit extrem schlechtem Gewissen werfe ich den gerade produzierten Plastikmüllberg in den dafür vorgesehenen Plastikmüllsack.

Jetzt ist Bürokratie angesagt. Wir fahren mit unserem Mietwagen zu dem Versicherungsvertreter, den uns die Verkäuferin vermittelt hat. Wir sind zu früh. Das Büro macht erst im 9 Uhr auf. Wir schlendern durch die Altstadt von Flagstaff. Eine richtig schöne, alte Westernstadt. Die Luft ist klar, die Straßen sind noch leer. Die ersten Mitglieder der arbeitenden Bevölkerung huschen mit To-Go-Kaffees über das Pflaster. Alte Backsteingebäude mit historischen Tafeln, ein Ford Model T-HotRod, das eindrucksvolle alte Gerichtsgebäude, eine historische, große Uhr mitten auf dem Bürgersteig, ein alter Bahnhof, der jetzt als Visitor Center dient, große, gut gemachte und historische Graffitis an ein paar Wänden…. Flagstaff strahlt viel Ruhe aus. Und Freundlichkeit. Der Ort gefällt. Am Horizont Berge mit weißen Spitzen, alles grün, viele Bäume. Ich beschließe, dass ich in naher Zukunft hierher zurückkehren muss. Heute allerdings geht es in dieser netten Stadt nur um unseren fahrbaren Untersatz für die nächsten acht Tage.

Wir sind zurück bei der Versicherungsagentur in einem Gebäude ganz in der Nähe von Old Town. Normalerweise, so erfahren wir, werden in den USA nur ungern Kurzzeit-Versicherungsverträge abgeschlossen. Der Makler, Travis, kennt jedoch den Sohn der Verkäuferin, daher erhalten wir eine Versicherung für 90 Tage. Wenn wir in zehn Tagen den Vertrag wieder kündigen, wenn der Käfer bei der Spedition für die Verschiffung abgegeben ist, schickt uns die Versicherung einen Scheck mit der Erstattung des Restbetrages. Das ist fair, vor allem, weil es wohl wirklich nicht einfach ist, als Deutscher und/oder ohne Adresse in den USA eine Kfz-Versicherung zu bekommen. Doch wir haben die Police und den Nachweis in der Hand und fahren endlich zum Auto-Übergabeort. Und dann steht er vor uns: Der silberne VW Käfer 1303. Baujahr 1979. Einspritzer. Cabrio. Die Übergabe läuft reibungslos. Geldübergabe, Schlüsselübergabe. Das erste Anlassen. Der Beetle schnurrt wie ein Kätzchen, natürlich mit dem Käfer-typischen Zwitschern als Oberton. Lichter, Blinker, Bremse, Handbremse, Dachmechanik, Fenster… check check check. Alles geht, alles läuft! Es gibt kleinere Schönheitsfehler hier und da. Klar, die Kiste hat 35 Jahre auf dem Buckel. Das ist ja wohl klar. Wir haben das Auto, wir haben den Vertrag, die Versicherung. Jetzt auf zur Zulassungsstelle, dem “MDV” – und Daumendrücken, dass es wie bisher weitergeht: reibungslos nämlich. Und so ist es dann auch. Kurz angemeldet erhalten wir eine Nummer. Wie zuhause. Dann das Warten auf die J616. Ein Cowboy mit Sporen an den Boots und breitgekrempten Hut kommt herein. Muss wohl sein Pferd zulassen wollen, bemerken wir kindisch. Das Glücksadrenalin hat uns wohl voll im Griff, denn alles funktioniert so gut. Zu gut. Aber selbst die Zulassung ist kein Problem. 15 Minuten und 19 Dollar später haben wir den neuen “Title” – den amerikanischen Kfz-Brief – und ein Stück Papier in der Hand. Letzteres ist die 90-Tages-Zulassung, die wir in Plastik verschweißt hinten anstatt eines Nummerschildes aufs Auto kleben. Fertig! Kaum zu glauben. Von Versicherung über Autoübernahme bis Zulassung sind gerde einmal 3 Stunden vergangen. Ich fahre den Mustang, Felix seinen “neuen alten” Käfer. Es geht zur Autovermietung am Flughafen. Ein letztes Mal lasse ich das elektrische Dach des Fords herunter und filme nach hinten auf den silbernen VW. Kurz darauf verstauen wir unser Gepäck im Käfer – alles passt, gerade so, auf Rückbank und im Kofferraum. Mustang weg, Käfer da, Route 66 wir kommen! Unsere erste Etappe. Auf der historischen Route 66 bis nach Lake Havasu…

L.A. - Flagstaff

(Fotos: © Felix Kreuzer)

 

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