Go East – Estland und Lettland vom Wasser aus

Als ich aufwuchs, schien der Osten Europas unendlich weit weg, getrennt durch eine Mauer und schwer bewachte Zäune. Aus Mangel an Verwandtschaft und Freunden jenseits des eisernen Vorhangs begrenzte sich mein Wissen auf das, was Schulunterricht und die damals noch wenig abwechslungsreichen Medien hergaben. Interesse und Wanderlust orientierten sich gen Westen. Als junger Erwachsener erlebte ich dann den Fall der Mauer, die Öffnung der Grenzen und schließlich die totale Reisefreiheit dank EU. Dennoch hielt sich mein Entdeckergeist noch lange Zeit zurück, begnügte sich zunächst mit der Erforschung der neuen Bundesländer, unserer neuen alten Hauptstadt, dann wagte ich erste Schritte auf ehemals jugoslawischen Boden, Ungarn, die Tschechische sowie Slowakische Republik. Was ehemals der Sowjetunion angehörte, erschien nach wie vor wie ein dunkler Fleck auf meiner geistigen Landkarte. Wie ignorant, wie unwissend, ja fast schon beschämend, behaupte ich doch von mir, die ganze Welt entdecken zu wollen und allem gegenüber offen zu sein. Dann flatterte eine Einladung nach Estland und Lettland auf meinen Tisch. Städte und Natur der beiden baltischen Staaten auf dem Wasserweg entdecken. Ich überlegte nicht zweimal und sagte zu. Meine Unwissenheit musste endlich ein Ende haben.

Anflug auf Riga. Es ist spät. Auf der kurzen Fahrt in die Stadtmitte passieren wir einige alte sowjetische Denkmäler. Sie sind bombastisch groß, mit roten Sternen, Soldatenstatuen und beleuchtet, während rundherum alles bereits in nächtliche Dunkelheit gehüllt ist. Ich fühle mich fremd, ein wenig als wäre ich in der Zeit zurückgereist. Der Fahrer scheint die Sorge in meinen Augen zu bemerken und beruhigt mich: „Die Denkmäler stehen als Zeugen unserer Geschichte, obwohl viele sie loswerden wollten, ja sogar in die Luft zu sprengen versuchten. Aber keine Angst, bei Tageslicht sieht alles ganz anders aus. Wir sind hier in der EU, dies ist ein modernes Land!“ Das Opera, unser Hotel für die erste Nacht, ist auf jeden Fall alles andere als angsteinflößend. Hinter der schönen Jugendstilfassade ist innen alles auf neuestem Stand. Ich bin aufgeregt, kaum müde. Lettland ist eine Stunde vor Deutschland, um 2 Uhr Ortszeit liege ich im Bett und versuche zu schlafen.

Der Morgen weckt mich mit herrlichem Sonnenschein. Vor dem Hotel im Viertel Latgales priekšpilsēta ist viel los, es ist ein Wochentag. Auf der anderen Seite der belebten Hauptstraße zu meiner Linken ragt ein großer Betonturm über einem schmucklosen Einkaufszentrum in Plattenbauweise. Von rechts aber strahlt es grün herüber, hinter dem Park und dem sich malerisch hindurchwindenden Stadtkanal liegt der gut erhaltene historische Kern der alten Hansestadt. Nach dem Frühstück geht es zunächst zu Fuß durch die Altstadt, die der Jugendstil fest in seiner Hand hält. Es ist wunderschön, ich fühle mich sofort wohl. Die Straßenbahn, die vielen Kneipen, das Rathaus, Kirchen, Museen, die Häuser der Großen und der Kleinen Gilde, die früher deutschen Kaufleuten dienten, der Dom und das Rigaer Schloss, das heute Präsidentensitz Lettlands und Heim dreier Museen ist. Kaum aus der Altstadt heraus stehen wieder Plattenbauten, dann kommt der Jachtklub „Andrejosta”, der sich im Viertel Andrejsala befindet. Von hier aus bietet der Veranstalter Lūzumpunkts Kajaktouren auf dem Fluss Daugava und den Kanälen der Stadt an. Unser Guide Juris weist uns ein und schon geht es los. In Zweierkajaks paddeln wir auf den Stadtkanal Pilsētas kanāls und durchqueren den satt-grünen Park, es geht unter Brücken hindurch und vorbei an historischer und moderner Architektur. Unter dem Einkaufszentrum hindurch passieren wir die alten Zeppelinhallen, die jetzt als Großmarkt dienen, und biegen dann auf die Daugava ein. Das Wasser ist unruhig, wir kämpfen uns gegen Wellen und Wind einmal quer über den Fluss und erreichen schließlich den Kanal Zunda, der ein halb verlassenes Industriegebiet durchtrennt. Garagen zäumen das linke Ufer, dienen hauptsächlich Fischerbooten als Unterstand, werden aber offensichtlich auch als Datscha-Ersatz genutzt. Die Rigaer, die an diesem sonnigen Wochentag keine Arbeit haben, fischen, grillen, basteln an Autos oder genießen einfach nur das wunderbare Wetter. Ebenfalls auf dieser Uferseite des Flusses stehen zahlreiche hohe, teilweise noch in Bau befindliche Hochhäuser. Sie wurden hierher verbannt, da die Altstadtseite nicht verbaut werden darf, nicht nur weil die Innenstadt Rigas seit 1997 UNESCO-Weltkulturerbe ist. Nach etwa eineinhalb Stunden erreichen wir im Norden erneut die Daugava, kämpfen uns wieder quer über den Fluss und biegen in südlicher Richtung in unseren Hafen ein. Mittlerweile hat eine riesige Fähre angelegt, deren meist aus Finnland stammende Passagiere höchstwahrscheinlich gerade den großen Spirituosensupermarkt im Hafen besuchen, der mit preiswertem Alkohol lockt. Nach zwei Stunden paddeln gönnen wir uns ein Mittagessen im Hafen. „Business Lunch“ für knapp 8 Euro. Drei wohlschmeckende Gänge, dazu ein kaltes Getränk. Die Sonne brennt vom Himmel und in der Mittagshitze schlendern wir erneut durch die Altstadt zurück zum Hotel.

Mit einem Kleinbus geht es von Riga Richtung Norden über nicht unbedingt die besten Straßen rund 175 km bis zur Grenze. Der estländische Grenzort Valga liegt direkt gegenüber seiner lettischen Schwesterstadt Valka. Beide Städte bildeten bis 1920 eine einheitliche Gesamtstadt. In den Zeiten, in denen Estland und Lettland Teil der Sowjetunion waren (1940–1941/1944–1991), gab es wie heute keine Grenzkontrollen, nach der Unabhängigkeit 1991 wurden jedoch bis zum EU-Beitritt beider Länder am 1. Mai 2004 (und letztlich der Implementierung des Schengener Abkommens 2007) Zollschranken errichtet. Es ist nur ein Schritt, der uns von einem Sprachraum in den nächsten bringt. Wir erfahren, dass Estnisch und Lettisch völlig unterschiedlich sind und können dies auch auf den Wegweisern, die nur wenige Meter voneinander entfernt stehen, selbst erkennen. Auch die Kulturen der beiden Länder unterscheiden sich. Dennoch sehen sich Valga und Valka heute wieder als Einheit und werben sogar mit dem Slogan „1 Stadt – 2 Länder“. Dass es hier ziemlich schön ist, erkannte auch das Magazin National Geographic. Direkt hinter der Grenze steht eines der insgesamt 21 großen gelben Fenster, die das Magazin im Sommer 2013 in Estland aufstellte und die kulturelle, landschaftliche und auch wirtschaftliche Highlights des Landes kennzeichnen. Hier in Valga ist das Fenster auf eine landschaftlich wunderschöne Biegung des Flusses Pedeli gerichtet (in der anderen Richtung auf die ehemaligen Grenzgebäude). Wir bekommen wieder Lust zu paddeln. Doch heute steht erst einmal der 80 km entfernte Ort Rõuge auf dem Programm und damit ein Saunamarathon im Saunamaa, dem „Saunaland“.

Das Saunamaa in Rõuge ist ein alter Bauernhof, der in eine große Saunalandschaft umgebaut wurde. Bestehende und neue Gebäude auf dem gesamten Gelände beherbergen unterschiedlichste Saunen – rund zehn Stück und weitere sind in Planung. Zwischen Obstbäumen und den bis zu über 100 Jahre alten Hofgebäuden kann man so von der Höhlen- zur finnischen Sauna und von der Rauch- zur estnischen Sauna wechseln, dazwischen in Tröge mit eiskaltem Wasser springen und am Ende noch im selbst gebauten Whirlpool relaxen, bevor die Gastgeber zum Abendessen Hausmannskost kredenzen und schließlich die Betten in den zweckmäßigen Mehrbettzimmern oder dem alten Vorratsstadel warten.

Die Esten sind ganz klar ein Saunavolk und stehen mit ihren bis zu 800 Jahre alten Saunatraditionen den Skandinaviern in nichts nach. Die ersten schriftlichen Erwähnungen über die estnische Sauna stammen aus dem Kirchspiel „Jõelähtme“ in Nordestland und datieren bis ins frühe 13. Jahrhundert zurück. Heutzutage hat so gut wie jeder Haushalt Zugang zu einer Sauna. Während zu Hause kleinere Aufguss-Saunas üblich sind, die oft mit Strom statt Holz geheizt werden, bieten Hotels oder Ferienhöfe wie das Saunamaa in Rõuge unterschiedlichste, teils sehr kreative Saunaoptionen an. Eine wichtige Information für jeden ausländischen Besucher: Männer und Frauen besuchen die Sauna in der Regel getrennt und nackt. In gemischten Saunen und vor allem, wenn man sich nicht gut kennt, trägt man Badeklamotten.

Nach unserem langen Saunaabend im Saunamaa machen wir uns am nächsten Morgen auf den Weg nach Paidra im Bezirk Võru. Heute wollen wir mit Kanus einen Abschnitt des längsten estnischen Flusses, dem Võhandu, befahren. Er durchfließt ein Landschaftsschutzgebiet und wird stellenweise von beeindruckenden Sandsteinaufschlüssen flankiert. Im Frühling ist die Strömung teilweise recht schnell und vor allen vereinzelte Stufen ehemaliger Wassermühlen können für Ungeübte eine Herausforderung sein. Im Sommer ist der Fluss jedoch deutlich ruhiger. Während wir nur eine Teilstrecke befahren, besteht die Möglichkeit, auch zwei bis drei Tage auf dem Võhandu zu verbringen: Startpunkt wäre in diesem Fall Võru, das Ende der Tour dann nach 100 km in Võõpsu. Auf dieser Strecke wird jedes Jahr der Võhandu Kanu- und Kajak-Marathon ausgetragen (http://www.vohandumaraton.ee/?page=&ln=en), der nächste am 23. April 2016. Wir begnügen uns mit knapp 20 entspannten Kilometern durch eine vorgeschichtliche, sehr ursprüngliche Landschaft. Kleinere Stromschnellen und Stufen, ein bellender Schäferhund an einer der Farmen am Ufer, ein paar Bauern auf den Feldern und die beeindruckenden Sandsteinmauern, in denen leider manch Tourist seine Initialen oder Liebesbekundungen hinterlassen hat. Auf halber Strecke halten wir in dem kleinen Dorf Leevi. Hier laden ein Grill- und ein Spielplatz ein, Pause zu machen. Nur wenig später müssen wir bereits wieder aus dem Kanu. Ein kleiner Damm der Elektrizitätswerke versperrt die Durchfahrt und wir tragen kurz die Boote auf die andere Straßenseite. Danach wird der Fluss enger und noch unberührter. Mehrere Male müssen wir unsere Kanus von Steinen oder Baumstämmen lösen, die wir in dem sommerlich-seichten Wasser übersehen haben. Dennoch ist der Trip ein entschleunigendes und wundervolles Erlebnis. Am Picknickplatz von Süvahavva ist dann Schluss für uns. Wir landen am Ufer, heben die Kanus aus dem Wasser und gönnen uns Karottensuppe und Tee. Dann fahren wir mit dem Kleinbus ins nicht weit entfernte Tartu, unser Tor zum Peipsisee und dem Naturschutzgebiet Peipsiveere, ehemals genannt Emajõe-Suursoo.

Tartu liegt am Ufer des Flusses Emajõgi und ist die zweitgrößte Stadt Estlands, gleichzeitig die älteste in den baltischen Ländern (erstmals im Jahre 1030 erwähnt). Schon immer war Tartu mit seiner Universität, eine der ältesten Nordeuropas, die intellektuelle Hauptstadt Estlands. Hier entstanden die estnischen Sängerfeste, das estnische Theater sowie der estnische Staat. Alte Tradition findet sich auch in der Schiffswerkstatt des Peipsi Barge Chamber am Ufer des Emajõgi. Vor der kleinen Werft liegt der detailgetreue Nachbar eines Handelssegelschiffs im Wasser, die Barke Jõmmu. Schiffe wie sie waren ab der Hansezeit bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts im Einsatz. Heute können Touristen die Barke für einen Segeltörn (bei Flaute hilft ein moderner Motor) auf dem Emajõgi und dem Peipsisee buchen. Dazu gibt es viel Information zu altem und neuem Schiffsbau, einen Geschichtsfilm oder für Kinder einen Schiffsmodellkurs. Die Fahrt über den Fluss ist beeindruckend, denn die Barke mit ihrem dicken Bauch, der an einen umgedrehten Schildkrötenpanzer erinnert, ist unerwartet wendig und gleitet ruhig über das Wasser. Man fühlt sich auf dem geteerten Holzdeck stehend in eine längst vergessene Zeit zurückversetzt. Wir fahren zunächst mitten durch die Stadt, vorbei an historischen und modernen Gebäuden, dann weiter nach Osten. Am Emajõe Suursoo Visitor Centre erwartet uns eine kurze Führung mit den wichtigsten Informationen über das Sumpfgebiet Emajõe Suursoo. Dann tauschen wir die Barke Jõmmu gegen ein Motorfloß und tuckern gemächlich weiter gen Osten in das Naturschutzgebiet. Es ist bereits Abend, doch die baltische Sommersonne gibt der Nacht noch keine Chance. Nach rund zwei Stunden sehen wir unsere Unterkunft für die Nacht: Mitten auf einem Seitenarm des Flusses schwimmt ein rotes Hausboot. Wir steigen um, richten uns ein und heizen die Sauna an. Es ist Mitternacht, als der Himmel schließlich dunkel wird und die Mücken verschwinden. Es ist absolut still, man hört nur ein paar Vögel, ab und zu das Platschen eines Fisches im Wasser. Die Sterne funkeln, am Horizont bleibt ein Streifen Abendlicht stehen. Wir sind nicht weit weg vom Peipsisee, durch dessen Mitte die Grenze nach Russland verläuft. Dies ist einer der östlichsten Punkte des Landes. Und einer der schönsten.

Peipsiveere ist ein riesiges Deltasumpfgebiet, bestehend aus den Niedermooren Jõmmsoo, Suursoo, Varnja und Pedaspää sowie dem Hochmoor Meerapalu, das seit 1981 unter staatlichem Naturschutz steht. Die Fläche des Sumpfgebiets umfasst rund 25.000 Hektar, ein Drittel davon wird regelmäßig überschwemmt. Mitten im Sumpf stehen ein paar Farmen und Wochenendhäuser. Touristisch genutzt wird allerdings eigentlich nur unser Hausboot, in dem 20 oder mehr Personen unterkommen. Besitzer Kalle hatte Glück. Er war der erste und letzte, der eine Lizenz für eine gewerbliche Nutzung im Naturschutzgebiet bekam. Somit ist sein Hausboot wirklich einzigartig. Am nächsten Morgen ist es genau diese Einzigartigkeit, die uns zunächst sprachlos bleiben lässt. Erst als wir uns Kalles Kanus ausleihen, um den Sumpf zu erforschen, finden wir wieder Worte. Wir sehen Reiher und Kormorane, unzählige andere Wasservögel und sogar Adler. Aufgrund der ausgedehnten Fläche des Sumpfgebietes könnte man mehrere Tage im Kanu verbringen, nachts an den dafür vorgesehenen Stellen zelten, später auf den Peipsisee hinaus paddeln. Leider haben wir nicht so viel Zeit und werden bereits heute wieder in Tartu erwartet, müssen aber erst noch einmal mit dem Motorfloß zurück zum Besucherzentrum, was locker zwei Stunden dauern kann. Und es dauert sogar noch länger: Auf halber Strecke erreicht uns Kalles Anruf. Sein Motorboot hat einen Motorschaden. Wir müssen mit gefühlten 5 km/h wieder zurück Richtung Hausboot. Nach einer Stunde nehmen wir das havarierte Boot in Schlepptau und tuckern nun noch langsamer wieder Richtung Tartu. Es ist Samstag und strahlendes Wetter, auf dem Weg begegnen wir zahlreichen Anglern, die ihrer Wochenendbeschäftigung nachgehen. Als wir wieder am Besucherzentrum des Sumpfgebietes ankommen, haben wir alle einen Sonnenbrand.

Ausnahmsweise erkunden wir Tartu heute nicht vom Wasser aus, sondern zu Fuß. Wäre auch schwierig, denn durch die malerische Innenstadt mit ihrer Fußgängerzone führt leider kein Wasserweg. Es gibt viele kleine Cafés und Läden, alles fühlt sich heimelig an, sympathisch und einladend. Wir besuchen das klassizistische Hauptgebäude der Universität, die 1632 von König Gustav II. Adolf als Universität Dorpat gegründet und 1802 von Deutsch-Balten mit Hilfe Zar Alexanders als einzige deutschsprachige Universität des Russischen Zarenreiches dann noch einmal neu gegründet wurde. In dieser Eigenschaft wurde sie zu einer Mittlerin zwischen der russischen und der deutschen Kultur, gleichzeitig aber auch zum Geburtsort der estnischen und lettischen nationalen Erweckung. Von der Uni ist es ein Katzensprung zum Domberg, auf dem sich die Ruine des mittelalterlichen Doms sowie das Observatorium, Teil des Weltkulturerbes Struve-Bogen, und das alte anatomische Theater befinden. In über 300 Jahre alten Backsteinkatakomben am Fuß des Berges befindet sich der Gunpowder Cellar, ein Bierlokal, in dem wir uns bei herzhafter estnischer Küche stärken. Wir würden gerne noch vom Stadtrand aus mit dem Kanu auf dem Emajõgi flussabwärts nach Porijõe paddeln, doch unsere Rettungsaktion am Vormittag hat zu viel Zeit gekostet. Der Bus wartet. Mit einem Zwischenstopp in Viljandi, einer alten Hansestadt mit beeindruckender Ordensschlossruine am Rande des gleichnamigen Sees, auf dem man sicherlich wunderbar paddeln und segeln könnte, geht es einmal quer durchs Land bis an die Küste nach Haapsalu, einem wichtigen und historischen Kurort.

Haapsalu liegt an der Westküste Estlands und besticht durch sein mildes Klima. Wegen ihrer vielen Wasserläufe wird die Stadt auch das „Venedig des Nordens“ oder „Venedig an der Ostsee“ genannt. Die Stadt wurde zwischen 1260 und 1270 gegründet. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entdeckte der deutsch-baltische Arzt Carl Abraham Hunnius die heilende Wirkung des Schlamms von Haapsalu, gründete 1825 das erste Sanatorium und etablierte die Stadt schnell als mondänen Kurort. Die russische Zarenfamilie Romanow schätzte den Kurort, der früher wie heute besonders im Sommer viele estnische und ausländische Besucher anzieht. Besonders stolz ist man hier auf den Besuch des Komponisten Tschaikowski, der in Haapsalu seine 6. Sinfonie geschrieben haben soll. Angesichts der unzähligen Schwäne, die wir rund um die Mustassaare-Schären sehen, könnte man eher denken, dass er sich hier Inspiration für Schwanensee geholt hat…

Am Veskiviigi Hafen Haapsalus liegt die Kalli Mari, ein restauriertes altes Dampfschiff mit zehn Plätzen – das einzige seiner Art. Deutlich größere Dampfschiffe brachten einst russische Gäste aus St. Petersburg in den Kurort. Wer heute den offenen Dampfmotor live erleben möchte, hat dafür mehrmals täglich 30 Minuten lang die Möglichkeit (Reservierung unter Telefon +372 5396 1396 notwendig. Kosten: 5 Euro). Das liebevoll in Schuss gehaltene Schiffchen ist dabei fast so wacklig wie ein Kanu. Auf der kurzen Fahrt sieht man von der „lieben Marie“ die gesamte Uferpromenade mit ihren teils renovierten. teils noch auf Wiederbelebung wartenden Sanatorien, Restaurants, Kur- und Wohnhäusern. Nachdem wir wieder festen Boden unter den Füßen haben, besuchen wir das Museum von Ilon Wikland, der schwedisch-estnischen Illustratorin der Bücher von Astrid Lindgren. Haapsalu ist mächtig stolz auf die Künstlerin, die bis zu ihrer Flucht nach Schweden Ende des zweiten Weltkriegs ihre Kindheit hier verbracht hatte. Wikland ist für so gut wie alle Lindgren-Bücher verantwortlich, Ausnahmen sind die Illustrationen zu Michel aus Lönneberga und Pippi Langstrumpf. Nach dem Ausflug in die Welt der Kinderbücher gönnen wir uns lokale kulinarische Spezialitäten im „Kärme Küülik“, dem schnellen Hasen. Dann fallen wir im „Kongo Hotel“ in unsere Betten. Das Hotel liegt übrigens nicht weit von Africa Beach… Die Namenskreationen in Kurorten muss man nicht verstehen, oder doch?

Unser letzter Morgen beginnt früh. Wir sind wieder zum Paddeln verabredet, dieses Mal geht es durch die Mustassaare-Schären vor den Ufern Haapsalus. Es regnet leicht, die Sonne will uns zum ersten Mal nicht mit ihrer Anwesenheit verwöhnen. In Doppelseekajaks fahren wir über die Bucht von Haapsalu zu einer der größeren Inseln, Väike-Roograhu. Oft müssen wir durch dicht mit Seegras bewachsene Gebiete und die Augen offen halten: Hier nisten neben Kormoranen auch Schwäne, die ihre Brut oft vehement verteidigen. Nach etwa 45 Minuten erreichen wir die dicht bewachsene Insel, auf der man auch zelten könnte – vorausgesetzt man scheut weder illegale Fischer, die hier sogar einen permanenten Unterstand errichtet haben, noch den angeblich auf der Insel lebenden Elch. Wir sehen weder Mensch noch Tier und genießen die Ruhe und frische Luft auf der Insel. Über uns kreisen zwei Seeadler, auf der Insel finden mehrere ihrer Federn. Unser Guide hat Tee und Kekse mitgebracht, beides tut angesichts des Regens und der deutlich gefallenen Temperaturen gut. Dann paddeln wir weiter, einmal um die Insel herum und zurück zu unserem Startpunkt Africa Beach. Mitten auf der Wiese neben einem alten Kurhaus packen wir einen Einweggrill aus, werfen deftige Würste darauf und wärmen uns wieder mit etwas Tee. Es war unser letztes Erlebnis auf dem Wasser. Unser kleiner Roadtrip durch die baltischen Länder Lettland und Estland führt uns nun noch nach Tallinn, die Hauptstadt Estlands. Wir bekommen eine kurze Stadtführung, die der langen Geschichte der Stadt nicht gerecht werden kann. Leider sind wir unter Zeitdruck, denn noch am Nachmittag gehen unsere Flieger Richtung Heimat. Als dann auch noch ein Hagelschauer einsetzt, wissen wir, dass wir bald zurückkommen müssen – um Tallinn richtig zu entdecken, aber auch um noch mehr Zeit auf dem Wasser zu verbringen. Als mein Flieger Richtung Frankfurt abhebt, lasse ich die letzten Tage noch einmal an mir vorbeiziehen. Wie konnte ich die letzten Jahre nur so ignorant sein? Ich habe einen wunderbaren, mir völlig neuen Teil Europas kennen und lieben gelernt. Dies war nur der Anfang…

RoadTrip dankt dem Projekt „Riverways“ („Development of water tourism as nature and active tourism component in Latvia and Estonia“), Teil eines estländisch-lettländischen Kooperationsprogrammes für grenzübergreifenden Tourismus. Mehr Informationen zu Reisemöglichkeiten auf dem Wasser in Lettland und Estland unter www.riverways.eu.

INFOS & LINKS in der aktuellen Ausgabe von RoadTrip – Sommer 2015.

Fotos :
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