Oldtimer, Racetrack, Ölverlust (Tag 7)

Frisch ist es am frühen Morgen in South Lake Tahoe. Als ich vor dem Basecamp Hotel auf der Straße stehe und Richtung Berg blicke, fährt gerade eine Gondel über die weiße Piste des Heavenly Ski Resorts nach oben. Nach einer knappen Woche in der Wüste ist dieses Bild und die kühle Luft eine absolut willkommene Abwechslung. Wir verwöhnen uns mit einem frischen Frühstück im Hotel und packen dann wie jeden Morgen unsere Sachen in den Käfer. Alle Handgriffe sitzen mittlerweile und obwohl unser Gepäck auf dem Weg etwas gewachsen ist, haben wir jetzt wirklich den Dreh raus. Die Fahrt führt uns entlang des Sees und dann hinauf in die Berge – erst Richtung Süden, dann nach Westen. Im Schatten der linken Straßenseite liegt noch richtig viel Schnee, teilweise so viel, dass die dahinter liegenden Häuser kaum zu erkennen sind. Rechts unseres Weges hingegen, im hellen Sonnenlicht, ist deutlich der erwachende Frühling zu erkennen. Es kommt uns so vor, als hätten wir in nur 24 Stunden alle Jahreszeiten mit unserem Käfer durchfahren.

Die Fahrt durch den El Dorado National Forest ist absolut entspannt und landschaftlich wunderschön. Nach dem Örtchen El Dorado am historischen Goldgräberhighway 49 ändert sich das Bild und vor unserer Windschutzscheibe liegt wieder Farmland und Steppe bis zum Horizont. Es geht vorbei an Sacramento, der Hauptstadt Kaliforniens. Hier saß der Terminator von 2003 bis 2011 im California State Capitol am Gouverneurs-Schreibtisch und versuchte mal recht, mal schlecht den Bundesstaat zu regieren. Wir lassen die Skyline hinter uns und fahren vorbei an Davis und Vacaville weiter Richtung Napa. Allerdings ist nicht dieses bekannte Weinanbaugebiet unser Ziel, sondern das westlich davon parallel verlaufende Tal von Sonoma, nicht minder bekannt für gute Tropfen. Wir haben einen Termin. Unseren ersten auf diesem Trip. In Sonoma treffen wir Richard, einen gebürtigen Engländer, der bereits über 30 Jahre in den USA lebt und hier in Kalifornien einen außergewöhnlichen Autoverleih aufgebaut hat: Seine Firma db autosportif verleiht Klassiker wie den Porsche 356B von 1963, den Jaguar E-Type von 1964 oder den Buick Electra von 1962 – um nur einige zu nennen. In Napa und Sonoma ist bereits der Wochenendverkehr ausgebrochen, die ganze Bay Area scheint sich auf den Weg zu machen, um die freien Tage inmitten der Weinberge beim Schlemmen und Trinken zu verbringen. Entsprechend langsam geht es voran. Dennoch schaffen wir es pünktlich auf den Parkplatz von db autosportif. Richard begrüßt uns herzlich und kommt ohne große Umschweife zum Thema: Hier das Mercedes 250 SE Cabriolet aus den 60ern, gerade neu angeschafft. Dort der VW Bulli T1, ebenfalls ein Neuankömmling in der Sammlung. Oder dort der Buick Electra, der Ferrari 330GT, der MG, der Porsche, der… Wir sehen ein gutes Dutzend Fahrzeuge, die schöner nicht sein könnten. Alle in Top-Zustand. Richard führt uns in die Werkstatt. Hier wird gerade ein Ferrari zerlegt, auf der anderen Seite ein MG aufpoliert. Für den Liebhaber klassischer Fahrzeuge ist das hier das Schlaraffenland. An den Wert, der hier herumsteht, wollen wir dabei gar nicht denken. Richard führt uns um die Ecke zu einem 1957er Chevy Bel Air. “Hop in!”, lädt er uns ein und tritt kurz darauf aufs Gas. Der tonnenschwere Klassiker schießt nach vorne, der V8 röhrt. Wir werden durch Sonoma chauffiert, Sightseeing inklusive. Richard zeigt uns die spanische Mission, die alte Hauptstraße, ein Weingut. Als wir an der Schule vorbeifahren, winken uns die Kinder fröhlich zu, rufen Dinge, die wir aufgrund des brüllenden Motors nicht verstehen. Mit 70 Meilen die Stunde schießt Richard über den löchrigen Asphalt, die Federung des Klassikers schluckt alles. Da wir nicht viel Zeit haben, ist die Ausfahrt leider bald vorbei. Richard muss auf einen Termin, wir haben heute ebenfalls noch ein paar Sachen vor. Allerdings steht jetzt erst ein kleines Shooting an. Travis, Richards rechte Hand, schlägt vor, den Gabelstapler zu holen, damit ich die Autos im Innenhof aus der Vogelperspektive fotografieren kann. Professionell bringt er eine Art Klettergurt mit, sichert mich am Gestell des Staplers und hebt mich dann in luftige Höhe. Felix holt den Käfer und fährt ihn in die Mitte der anderen Fahrzeuge. Unser Käfer macht sich gut in diesem Bild. Zwar trennen ihn ein paar Jahre und auch mehrere zehntausend Dollar von den anderen Fahrzeugen, doch von Style her kann der silberne 1303er hier absolut mithalten. Er bekommt sogar eine Handpolitur von einem Angestellten von db autosportif, damit die Bilder auch ja schön werden…

Nach dem Erlebnis bei Richard und seinen Autos, die man übrigens stundenweise mieten kann (Preise je nach Modell zwischen ca. 30 und 200 Dollar pro Stunde inkl. aller Versicherungen etc.), müssen wir uns etwas beeilen, um zum Sonoma Racetrack zu kommen. Wir stehen im Stau. Für wenige Meilen brauchen wir fast eine halbe Stunde, dann kommen wir endlich zur Rennstrecke. Hier wartet ein Dame von Audi Nordamerika auf uns. Und zwei Audi R8. Selbst fahren dürfen wir sie leider nicht, aber wir bekommen eine „hot lap“ mit Profifahrer spendiert. Da wir spät dran sind, wird nicht lange geredet. Helm auf, rein ins Auto und… Vollgas! Mein Chauffeur für die nächsten knapp zwei Minuten heißt Dane und kommt aus Australien. Er ist Rennfahrer von Beruf, entsprechend prügelt er den R8 über die Curbs, findet den idealen Bremspunkt vor der Spitzkehre und lächelt beim Beschleunigen auf der Geraden noch nett in die Kamera, die rechte Hand dabei vom Lenkrad und “thumbs up!”. Der Top Speed hier beträgt zwar nur 120 Meilen die Stunde (ca. 190 km/h), der R8 würde aber locker 200 mph laufen. Leider hat die Strecke selbst ein Speed Limit – mag vielleicht daran liegen, dass hier Privatpersonen nach einem entsprechenden Fahrtraining selbst Hand ans Lenkrad legen dürfen. Und viel mehr als 70 mph sind die Amerikaner ja nun mal nicht gewohnt von ihren Highways… Unsere Hot Lap ist viel zu schnell vorbei. Noch ein Plausch mit unseren Fahrern, dann mit der PR-Dame von Audi und schon sitzen wir wieder im Käfer. Das Gestühl unseres Autos fühlt sich zwar etwas anders an als die Schalensitze des R8, aber irgendwie fühlen wir uns hier auch ganz wohl. Wir fahren vom Parkplatz, wollen aber noch ein Foto der Rennstrecke. Eine Straße führt einen Hügel hinauf, dort stehen ein paar Trucks. Wir schießen von dort unser Foto und wollen schon wieder fahren, als wir zwei LKWs entdecken, die eine Art Boxengasse bilden, in deren Mitte ein paar Renn-Ferraris stehen. Ich frage, ob wir den Käfer kurz dazu stellen dürfen und schon entwickelt sich eine unglaubliche Eigendynamik. Das Mechanikerteam drängt sich fast am Käfer, jeder hat eine Story dazu, Fragen werden gestellt, Antworten gegeben, viele Fotos geschossen. Die teuren Rennwagen der Ferrari Challenge sind plötzlich völlig uninteressant, der Käfer ist für den Moment der Star. Als wir wieder weiterfahren, sind wir völlig platt. Die zufälligen Treffen, Gespräche und Abenteuer auf dieser Reise sind einfach unglaublich…

Es geht Richtung Küste. Wir sind heute Abend privat untergebracht. In einem Strandhaus am Pazifik in Bodega Bay. Gut eine Stunde müssen wir noch fahren. Plötzlich leuchtet die Öllampe im Käfer auf. Wir fahren an die nächste Tankstelle und kaufen Öl, füllen nach. Tanken müssen wir auch. Während Felix den Käfer betankt, sehe ich noch einmal unters Auto. Es tropft. Fließt fast. Irgendwo links hinten am Motor. Was nun? Viele Möglichkeiten haben wir nicht. Wir kaufen noch etwas mehr Öl zur Sicherheit und fahren weiter, die Öllampe immer im Blick. Es ist fast dunkel, als wir am Strandhaus ankommen. Wir legen etwas unter das Ölleck und beschließen, dass wir entspannt bleiben müssen. Bis L.A. schafft es der Käfer bestimmt, Reparaturen können dann in Deutschland erledigt werden. Etwas besorgt beenden wir den Tag mit einem Bier mit Ausblick auf den Pazifik. Die Schönheit der Küste Nordkaliforniens schafft es, uns ein wenig zu beruhigen. Als wir ins Bett fallen, haben wir den Ölverlust fast völlig verdrängt …

Lake Tahoe - Sonoma

alle Fotos © RoadTrip / Wolfgang Greiner

Vielen Dank an das Sonoma County Tourism Bureau und Visit California sowie Audi Nordamerika und Richard Martin von db autosportif bei der Unterstützung für diese Roadtrip-Etappe!

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