Route 66 – die “Mother Road” (Tag 3)

Das Auto läuft einwandfrei. Nach Abgabe unsere Mietwagens geht das Abenteuer, der Käfer RoadTrip, nun also wirklich los. Wir fahren zurück nach Flagstaff und suchen die Schilder, die uns den Weg auf die Ur-Landstraße Amerikas weisen: Zur Route 66.

Die “Mother Road”, die von Chicago quer durchs Land bis zum Santa Monica Pier in Los Angeles führt, ist im Bundesstatt Arizona noch in einigen Teilstücken sehr gut erhalten. Tatsächlich wurden viele der alten Motels, Tankstellen, Restaurants und Shops am Straßenrand vor allem in den letzten Jahren wieder auf Vordermann gebracht, da sich die Fahrt auf der Route 66 zum absoluten, wieder entdeckten Touristenmagnet entwickelt hat, nachdem sie lange Zeit in Vergessenheit geraten und fast völlig von der Bildfläche verschwunden war. Insgesamt waren es ursprünglich einmal 645 Kilometer, die die Straße in Arizona zwischen der Grenze zu New Mexico und Needles in Kalifornien zurücklegte. Als die Route 66 1984 offiziell aufgelöst wurde, ersetzte die Interstate 40 an vielen Stellen mehrspurig die sagenumwobene Landstraße. Um heute die “Überreste” (in AZ insgesamt um die 120 km) davon zu befahren, reicht es, den braunen (= historischen) Wegweisern zu folgen, wobei jedoch ab und zu die Gefahr besteht, dass man sich dabei entweder verfährt oder aber für lediglich wenige 100 Meter den breiten Highway verlässt, nur um sich kurz darauf wieder auf der I-40 zu finden. Puristen fahren natürlich dennoch jeden noch existierenden Meter ab. Wir entschließen uns dazu, uns auf die Strecke zwischen Ash Forks und Kingman zu beschränken, die allerdings tatsächlich das längste, zusammenhängende Teilstück im Staat darstellt.

Zum Einfahren unseres neuen fahrbaren Untersatzes ist die I-40 von Flagstaff bis Ash Forks genau richtig. Mit offenem Dach und maximal 65 Meilen die Stunde genießen wir die Fahrt durch die frische Höhenluft Arizonas. Noch durchfahren wir dichte Nadelwälder. Der Highway geht leicht bergab. Als wir in Ash Forks ankommen, hat sich die Landschaft bereits komplett geändert, Farmland und Steppe übernehmen das Bild bis an den Horizont. Auch ist es deutlich wärmer geworden. Im offenen Käfer hatten wir im kühlen Fahrtwind nicht bemerkt, dass uns die Sonne bereits gnadenlos im Visier hatte. Sonnenbrand. Wir haben tatsächlich den Anfängerfehler gemacht, einfach offen drauf los zu fahren. Schweren Herzens beschließen wir, das Dach nun erst einmal zu schließen… Bei der nächsten Gelegenheit muss Sonnencreme her.

In Ash Fork stürzen wir uns auf den ersten “Historic Marker” am Straßenrand, das Railway Memorial. Unsere Kameras klicken im Akkord, das kleine Schienenüberbleibsel am Boden sorgt für absolute Glücksgefühle. Wir sind auf der Sixty-Six! Wir fahren weiter, die Wegweiser führen uns bis an den Rand einer verwahrlosten Sandstraße mit tiefen Schlaglöchern. Kann nicht wirklich sein. Hier weiterzufahren, wäre zwar ein guter Test der Stoßdämpfer, aber sollen wir wirklich? Wir beschließen, noch einmal zur letzten Kreuzung zurückzukehren und die Wegweiser genauer anzusehen. Historic Route 66. Steht drauf. Wir folgen den Schildern erneut – nur um zu merken, dass wir wieder im Kreis fahren. Aber was ist das? “Route 66 Museum. Free road maps.” Nichts wie hin, bevor wir noch länger vergeblich suchen.

Das Museum entpuppt sich als echter Zufallstreffer. Jeder, der nach Ash Fork kommt, sollte hier Halt machen. Nicht nur die kostenlose Karte, die jedes intakte Überbleibsel der “Mother Road” beschreibt und auf die Sehenswürdigkeiten in den Orten am Wegesrand hinweist, lohnt sich. In dem Gebäude, einer große Scheune, sind allerlei interessante Sachen ausgestellt – von alten Originalschildern über Ladeneinrichtungen und Miniaturmodelle von Gebäuden bis hin zu historischen Fahrzeugen. Und man kann Andenken kaufen, über deren Erlös sich das Museum finanziert. Deswegen ist der Besuch selbst auch kostenlos. Wir packen ein paar Schilder-Replikas und Aufkleber ein, außerdem eine CD mit Route 66-Songs – der Soundtrack ist nun mal wichtig im Leben! Frisch orientiert geht es mit der Karte in der Hand wieder auf die Straße. Die Sonne brennt, das Dach bleibt erst einmal zu. Dank unserer Karte wissen wir auch gleich, warum wir zuvor im Kreis gefahren sind: In Ash Fork sind gerade einmal zwei Meilen Route 66 übrig. Wir müssen erst auf die I-40 zurück, nach ein paar Meilen geht es dann endgültig und für gute 100 Kilometer auf die historische Straße.

Die ersten Meilen gehen durch leere Steppe. Wüssten wir nicht um die Geschichte des Asphalts, auf dem unsere Käferreifen rollen – wir würden diesem Abschnitt nicht viel abgewinnen können. Grasland, Farmen, weite Leere. Richtig interessant wird es allerdings ab Seligman. Von hier bis Kingman durchfährt man einige kleine Orte mit allerlei interessanten Gebäuden und Überresten der Originalstraße. Von verlassenen und verfallenen Werkstattbeäuden über schön renovierte Schulgebäude und Motels bis hin zu völlig überdekorierten und touristisch aufgepeppten Bars, Shops und Tankstellen ist alles geboten. Waren wir bis Seligman noch alleine auf der Straßen, ist jetzt auch deutlich mehr Verkehr. Jede Menge Mietwagentouristen, Wohnmobile, aber auch lederbekluftete Harleyfahrer sind unterwegs. Und ein 79er Käfer. Wir genießen den Trip in die Vergangenheit, spielen unsere Route 66-CD ab, singen laut “Get your kicks on Route 66….” mit und stellen uns vor, wie es wohl wäre, die gesamte Route 66 von Chicago bis L.A. in einem alten Cabrio zu befahren. Bei unserem momentanen Tempo müssten wir dafür allerdings einen Monat oder mehr einplanen…

Da es mittlerweile schon spät am Nachmittag ist, beschließen wir in Kingman, wieder zurück auf den ausgebauten Highway zu fahren. Die Route 66 würde von hier noch weiter bis zur kalifornischen Grenze gehen, doch die Wärme und unser Jetlag machen sich bemerkbar und die Müdigkeit steht uns ins Gesicht geschrieben. Unser Etappenziel heißt heute Lake Havasu, ein Stausee in der Wüste, Naherholungsgebiet für Las Vegas und Schauplatz des Westküsten-Springbreak – sprich Partymeile im Frühjahr für Studenten und andere Vergnügungslustige.

Die Berge entlang der Straße leuchten unwirklich rot im Sonnenuntergang, als wir in den Ort einrollen. Der See liegt ruhig zu unserer Rechten, links passieren wir den örtlichen Flughafen, dann biegen wir in die Einfahrt zu unserem Hotel ein, dem London Bridge Resort. London Bridge? Ein Schild erklärt uns: Ja, die London Bridge. Es stellt sich heraus, dass der Gründer von Lake Havasu City, ein reicher Ölmagnat namens Robert McCulloch, das Verkleidungsmaterial einer ursprünglich von 1831 stammenden Bogenbrücke über die Themse in London gekauft hatte. Beim britischen Originalbauwerk waren durch den starken Verkehr Statikprobleme aufgetreten, die einen Neubau erforderlich machten. McCulloch ließ am Stausee von Lake Havasu eine Stahlbetonbrücke mit den gleichen Proportionen bauen, die dann mit dem in London gekauften, nummerierten Steinmaterial aus Granit verkleidet wurde. Die 1971 fertiggestellte rekonstruierte London Bridge verbindet eine künstliche Insel im Lake Havasu mit dem Festland. Aha, die London Bridge also. Wir sind müde und nicken diese neu erworbene Information daher ein wenig erschöpft ab. Ach ja, und Springbreak ist auch noch. Aber es ist Montag und die Party ist vorbei. Deswegen verordnen wir uns relativ schnell Bettruhe – allerdings nicht, ohne vorher noch Sonnencreme fürs Gesicht und einen Burger für den späten Hunger zu besorgen…

Flagstaff-Havasu

Fotos © RoadTrip/Wolfgang Greiner

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