Schweden – Die Westküste

Es gibt kaum einen schöneren Küstenstrich in Europa als die schwedische Westküste. Jedenfalls in meinen Augen. Die Mischung aus roher, wilder Natur, vielen kleinen Inseln, felsigen Ufern, kleinen, verträumten Fischerdörfern und den bis ans Wasser reichenden Wäldern ist wie Klein-Kanada, mitten auf unserem heimischen Kontinent. Ja, ich bin Kanada- und Pacific-Northwest-Fan (also der Nordwesten der USA von WA über OR bis Nordkalifornien), das gebe ich zu. Als ich vor knapp zehn Jahren durch einen Zufall zum Hundebesitzer wurde, musste ich allerdings meine Flugreisen etwas einschränken, da ein 35 kg schwerer Hund nicht unbedingt einfach und kostengünstig durch die Welt zu transportieren ist. Ganz zu schweigen von seiner Panik vor kleinen, geschlossenen Räumen. Also konzentrierte ich mich ab diesem Zeitpunkt auf Reisen per Auto, damit Rocket so oft wie möglich dabei sein konnte. Wenn doch einmal kein Weg am Flieger vorbei führt, habe ich zwar Möglichkeiten, ihn in gute Hände zu geben, aber schöner ist es, wenn er mich begleiten kann.

Mit Rocket und dem Fokus auf Autoreisen kam dann eines Tages Skandinavien auf meinen Reiseplan. Mein erster Trip nach Schweden führte mich in den hohen, hohen Norden nach Lappland. Im Winter. Fortan arbeitete ich mich nach Süden durch, immer wieder fasziniert von der “letzten Wildnis”, wie ich sie vom heimischen Alpenraum einfach nicht kannte. Alles glich so wahnsinnig der Landschaft und Vegetation Nordamerikas, inklusive der spärlichen Besiedelung, wie sie in Kanada und dem Pacific Northwest eben auch zu finden ist. Durch einen Freund und seine Organisation SOG (Scandinavian Outdoor Group) und deren “Kennenlernprogramm” OAS (Outdoor Academy of Scandinavia), das vor allem Sportfachhändler und Journalisten an Skandinavien heranführt, kam ich immer wieder in den glücklichen Genuss, neue Landstriche kennenlernen zu dürfen. Entsprechende Artikel sind auch immer wieder in unseren Magazinen SkiPresse und SportPresse (ePaper auf www.sportpresse-online.de) zu finden. Diese Heranführung funktionierte bei mir mehr als nur gut. Der Virus war implantiert und ich fühlte mich ein wenig dazu auserkoren, zu einer Art Botschafter für Skandinavien generell und im Besonderen für Schweden und Norwegen zu werden.

Aber nun zurück zur Westküste. Ich war mittlerweile ja in Strömstad. Wie es der Wetterteufel nun mal so wollte, hatte sich das schöne Wetter verzogen und es regnete in Strömen. Ich hatte zwei Nächte in meiner kleinen Hütte gebucht und machte so viel daraus, wie ich nur konnte. Lange Spaziergänge an der Küste, ein wenig Strömstad erkunden (ein Muss: das Räuchereirestaurant am Hafen – rokerietistromstad.se !!) und ansonsten die Seele baumeln lassen. Auch ein paar kleinere Reparaturen am Defender waren nötig, wenn auch nur Schönheitsfehler, nichts drastisches. Ein bisschen Ordnung im Chaos schaffen, denn nach einer Woche Autoleben wusste ich teilweise nicht mehr, wo meine Sachen waren…

Miethütten auf dem Campingplatz in Strömstad
Miethütten auf dem Campingplatz in Strömstad

Nach der zweiten Nacht ging es zurück auf den Asphalt. Ich wollte den kleinen, im Zickzack verlaufenden Routen folgen, die sich die Küste durch das “alte Land” Bohuslän entlang schlängeln. Grebbestad, Hamburgsund, Kungshamn, Lysekil und dann schließlich nach Göteborg. Auf dem Weg lohnt es sich immer wieder, Pause zu machen, frisch zubereiteten Fisch zu probieren, unzählige Fotos zu schießen, die Füße ins Wasser zu hängen und das Leben zu genießen. Als voralpenländisches Landei ist die Szenerie an der Küste, die Fischerorte, Boote, Felsen und das Wasser mit seinem unendlichen Horizont einfach eine Faszination für sich. Und dann natürlich: Die Ziele am Wegesrand. Ein Schild, bremsen, abbiegen, suchen, ankommen. Wie zum Beispiel der Wegweiser zu “Smögen Whisky” (smogenwhisky.se). Eine Whiskydestille in Schweden klingt ungewöhnlich, also nichts wie hin über die kleine Nebenstraße. Dass man in der Destille selbst nur probieren und erkunden kann, nicht aber kaufen, liegt an den schwedischen Alkoholgesetzen. Nicht einfach für findige Menschen mit guten Geschäftsideen, denn nach dem Destillenbesuch muss man in den nächstgelegenen staatlichen Alkoholmarkt und dort die Andenkenflasche kaufen… Man kann nur hoffen, dass sich aufgrund der Angleichung an die EU bald diese Gesetze ändern… Die übrigens auch wieder an Kanada erinnern. Auch dort ist der Einkauf teilweise stark reglementiert und staatlich kontrolliert (mit Ausnahmen).

An der Westküste
An der Westküste

Mit all meinen Abstechern in all die Küstenorte und hinter vielen, kleinen Hinweisschildern her, dauerte die sonst recht überschaubare Fahrt von Strömstad nach Göteborg doch etwas über sieben Stunden. Ein Klacks eigentlich, denn hier an der Westküste kann man auch mehrere Wochen verbringen, vorausgesetzt man ist offen für Seekajaken, Klettern, Wandern, Segeln, Biken oder so vieles mehr. Doch so viel Zeit hatte ich dieses Mal nicht. Insider behaupten, dass Bohuslän mit die besten Kletterreviere bereit hält, die Europa zu bieten hat. Die Küstenklippen beheimaten derart viele Routen für alle Könnerstufen, dass bereits ganze Bücher damit gefüllt wurden.

Ein wenig Angst hatte ich dann wieder vor dem Trubel der Großstadt, als ich kurz vor Göteborg war – abgeschreckt von meinen wenigen Stunden im pulsierenden Stockholm nur ein paar Tage zuvor. Doch ich hatte vergessen, dass die Küstenstadt am Kattegat um einiges gemütlicher und ruhiger ist als die Metropole drüben an der Ostküste. Und lange würde ich sowieso nicht bleiben, wartete doch ein guter Freund ein paar Kilometer südlich in Billdal auf meine Ankunft. Es lockte also wieder ein “echtes” Bett und dazu noch ein BBQ bei strahlendem Wetter und Aussicht auf die Schären …

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