Schweden – Ein RoadTrip ohne Ziel

Geht es Euch nicht auch oft so? Ihr wollt einfach mal wieder weg, aber Ihr habt kein richtiges Ziel? Der beste Moment für einen RoadTrip, würde ich sagen. Immer wieder juckt es in den Fingern und in den Gehirnwindungen. Einfach ins Auto setzen und ohne richtiges Ziel losfahren. Eine grobe Planung sollte jedoch schon vorhanden sein, deswegen hieß es dieses Mal: Schweden.

Der August ist bekanntlich eine zwiespältige Reisezeit. Auf der einen Seite hat man gute Chancen auf bestes Sommerwetter, auf der anderen Seite ist genau deswegen und aufgrund der Schulferien Hochsaison, also muss man Verkehr, Ausbuchungen und viele andere Urlaubssuchende erwarten. Mit Schweden lag ich noch nie falsch im August. Immerhin ist das Land weitläufig und spärlich besiedelt, auf jeden Fall je mehr man sich nach Norden vorwagt. Und dann die Möglichkeiten, Outdoorleben vom Feinsten, nette Menschen, Allemannsrecht… und Schwedenfan bin ich persönlich seit vielen Jahren.

Das Reisegepäck war schnell zusammengestellt. Der Defender war nach einem längeren Werkstattaufenthalt wieder fit, das neue Vorzelt lag schon da und die Koch- und Schlafutensilien sind sowieso immer bereit. Für meinen treuen, vierbeinigen Begleiter Rocket noch eine Woche Futterration, Wasserkanister, seine Lieblingsdecke, Impfpass und das war’s.

Es kann also losgehen. Ein Blick auf die Stau-App zeigt freie Verbindungen nach Norden. Die Ostroute von München über Nürnberg nach Magdeburg und dann über Hamburg, Flensburg, Odense, Kopenhagen ist nicht die kürzeste, aber statt Verkehrschaos durch die Mitte der Nation und Fähre bis Schweden hat diese Strecke durchaus gute Seiten. Die Brückenverbindungen in Dänemark und dann nach Schweden haben den Vorteil, dass man weder einen Platz auf dem Schiff reservieren muss, noch unter Zeitdruck steht. Die Brücken kosten zwar nicht wenig Maut und die zusätzlichen Kilometer fressen ebenfalls zusätzliches Benzingeld, aber das Fahren und die freie Entscheidung, wann und wo ich Pause mache, für Fotos anhalte oder den Hund an den nächsten Baum lasse, ist mir wichtiger. Außerdem sind es unter dem Strich immer noch ein paar Euro weniger als per Fähre.

Der gute alte Defender ist kein schnelles Fortbewegungsmittel. Mit seinem robusten, aber völlig unterbemittelten Diesel liegt die angenehmste Reisegeschwindigkeit bei 90 km/h. Es ginge (ein bisschen) schneller, aber dann frisst er Sprit und das Ohrenklingeln bleibt einem noch eine gute Stunde erhalten, nachdem man die Zündung abgeschaltet hat. Die rund 1.200 km bis Malmö sind deswegen theoretisch nicht unter 12 Stunden zu schaffen, mit Pausen etc. werden es praktisch leicht 15 Stunden. Eine Tortur? Nein, ich sehe es eher als Entschleunigung. Man sieht mehr, man steht nicht unter Stress, man lässt sich Zeit für Gedanken, Pläne oder einfach nur das Dahingleiten. Eine Totalsperrung der A2 verlängert die tatsächliche Fahrzeit bis Schweden allerdings um weitere 2 Stunden. Tolle Stau-App. Egal, denn zum Zeitpunkt des Staubeginns auf Höhe Oschersleben bin ich bereits so entspannt, dass es mir fast nichts mehr ausmacht. Nur heiß ist es. Die entnervten Pendler in ihren klimatisierten Autos entpuppen sich als amüsanter Zeitvertreib. Wäre ich nicht auf meinem RoadTrip und hätte frei, ginge es mir wahrscheinlich genauso. Termindruck, die Tanklampe leuchtet, der Kaffee will raus, der Motor kurz vorm Überhitzen… jeder kennt das – und deswegen bin ich wieder mehr als zufrieden, dass ich gerade nach Norden fahren darf statt in die Arbeit.

Noch in Dänemark ist Pause angesagt. Ein Rastplatz vor Kopenhagen bietet Schutz und Ruhe, um ein paar Stunden zu schlafen. Frisch ausgeruht kann es am nächsten Tag weitergehen und endlich ist Schweden erreicht. Tatsächlich Fahrzeit inklusive Pause von München bis Malmö: dieses Mal 24 Stunden. Schweden begrüßt uns mit Sonnenschein und ich sehe auf die Karte. Vor wenigen Wochen empfahl mir ein Bekannter aus Stockholm die Gegend rund um Karlskrona. Die schwedische Ostküste, vor allem im Süden, kenne ich noch kaum, führten mich meine bisherigen Reisen doch hauptsächlich an die wunderbare Westküste, nach Jämtland oder bis nach Lappland hinauf. Im Vergleich zum hohen Norden fällt im Süden vor allem die extensive Landwirtschaft auf. Die Bauern sind im August fleissig dabei, zu mähen und zu dreschen, auf den Landstraßen hängen die Staubwolken der frisch geernteten Felder, Traktoren verlangsamen das Vorankommen. Ich fühle mich fast wie zuhause in Niederbayern, wären da nicht die rot geteerte Straße, die blau-gelben Straßenschilder und die Wegweiser in anderer Sprache. Immer wieder locken meist selbstgemalte Schilder mit “Fika” und “Loppis” am Wegesrand. Fika steht für die Möglichkeit einer Kaffeepause, Loppis für einen kurzen Einblick in das schwedische Leben. Letzteres ist nämlich eine Art Flohmarkt – oder aber ein Laden mit allem, was von Krimskrams bis Antik an den Vorbeifahrenden gebracht werden soll. Ich mache ein paar Mal vom Fika-Angebot Gebrauch, Kaffee mit Kanelbullar, der typischen Zimtschnecke, und das Schweden-Feeling ist endgültig hergestellt!

Als ich in Karlskrona ankomme, beschließe ich, dass ich mich heute noch weiter nach Norden wagen werde. Vielleicht sind es die vergleichsweise vielen Touristen, die hier den Hafen, ein Marinehafen mit ehemaligen Werften und Verteidigungsanlagen, und die historischen Gebäude der Altstadt bevölkern – beides übrigens Welterbe der UNESCO.  Hier ist zu viel los für meinen Geschmack und ich wollte ja Natur und Einsamkeit. Nachdem mir auf der Ausfallstraße der Stadt der erste schwedische Defender-Kollege begegnet – und man sich wie üblich grüßt – biege ich wieder auf die E22 Richtung Norden ab. Der Plan: Weiter oben, gegenüber des Nordzipfels der Insel Öland, einen Campingplatz suchen und dort erst einmal für ein, zwei Tage ein Lager errichten. Akklimatisieren, ausruhen, die weitere, optionale Route recherchieren. Das Wetter ändert sich außerdem, und bald ist Zeit für eine abendliche Stärkung. Vor allem Rocket beklagt sich von hinten im Auto bereits mit einem grummelnden Magen.

Fündig werde ich in Loftahammar, einem Ort mit lediglich 800 Einwohnern und einer Auswahl an Campingplätzen. Die vorgelagerten Schäreninseln und die vielen roten Häuser an der Küste verleihen der Bucht das typische Schweden-Image. Der Campingplatz Tättö ist halbleer und die drohenden Gewitterwolken veranlassen mich, hier zu halten. Als ich mein Zelt aufbaue, fängt es bereits zu hageln an. Pitschnass schaffe ich es, das Vorzelt aufzustellen, den Defender möglichst bündig danebenzustellen und Rocket immer wieder zu beruhigen, denn der hat panische Angst vor Sturm und Donner.

Endlich steht alles. Im Zelt sogar das Wasser. Egal. Angekommen. Kurz umgezogen, das Wasser aus dem Zelt geschippt, eine Flasche Pinot Noir geöffnet, den Hund gefüttert und zurücklehnen. Schweden. Wir sind angekommen.

Fortsetzung folgt…

on the road again....
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