Skifahren in China nach der ISPO BEIJING 2014

Im Februar ging es zum chinesischen Ableger der größten Sportfachmesse der Welt nach Peking. Die ISPO BEIJING feierte ihr 10. Jubiläum und beeindruckte vier Tage lang mit vollen Hallen, einem informativen und abwechslungsreichen Rahmenprogramm und vielen interessanten neuen Produkten. Besonders bemerkenswert und auffällig war die Tatsache, dass im Vergleich zu meiner letzten ISPO in China – das war 2009 – fast nur asiatische Aussteller vor Ort waren, inklusive der asiatischen Vertretungen der uns bekannten westlichen Marken wie Salewa, Oakley, Vaude und vielen, vielen weiteren. Vor fünf Jahren waren es noch die „bekannten Gesichter“ aus Europa und den USA, die sich in Peking an die Stände stellten, galt es damals doch noch, den sich rasant entwickelnden Markt in Asien erst kennenzulernen und die geeigneten Partner zu finden. Doch dies scheint für die meisten Firmen, die sich um den Einstieg in China & Co. bemüht haben, erfolgreich vollbracht zu sein. Außerdem war der große und überwiegende Anteil an asiatischen Marken auffällig. Und das mit sagenhaften, innovativen und teils wirklich überraschenden Produkten. Umdenken ist auf jeden Fall angesagt, denn asiatisch ist nicht gleich billig oder gar minderwertig, nein: Die ISPO BEIJING bewies, dass sich hier einiges getan hat und die Qualität und der eigene Innovationsfaktor nichts zu wünschen übrig lassen. Die westliche Konkurrenz spielt hier auf Augenhöhe, man darf die asiatische Sportartikelindustrie nicht unterschätzen und muss definitiv mit ihr rechnen – auch bei uns im Westen.

Die ISPO BEIJING, mitten im Olympiagelände der Hauptsstadt
Die ISPO BEIJING, mitten im Olympiagelände der Hauptsstadt
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Gut besuchte ISPO BEIJING im Februar 2014
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ISPO On-Snow Demo in Wanlong
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Gipfelgefühle in Wanlong
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Relaxtes Dahin-Cruisen auf den Pisten
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Moderne Liftanlagen vs. traditionelle Gebetsflaggen

Im Rahmen der ISPO BEIJING fand auch eine On-Snow Demo mit Ski- und Snowboardfirmen statt und damit kommen wir zu dem in der Überschrift angesprochenen Thema: Skifahren in China! Da ich als Chefredakteur der SkiPresse und aufgrund meiner Jobs davor bereits seit 20 Jahren in der Welt auf einem und mittlerweile auch zwei Brettern unterwegs bin, war dies ein definitives Highlight, denn Skifahren in Asien war schon immer mein Wunsch – bisher allerdings unerfüllt. Die ISPO-Karawane zog nach der Messe in das rund drei Stunden entfernte Skigebiet von Wanlong. Es ist das größte Gebiet in der Nähe von Peking, 12km östlich von Chongli und rund 260km nordwestlich der Hauptstadt. Wanlong macht sich derzeit Hoffnungen, Austragungsstätte der alpinen Bewerbe zu sein, sollte Peking die nächsten Olympischen Winterspiele zugesprochen bekommen. Die Entscheidung darüber fällt auf der 127. IOC-Session am 31. Juli 2015 in Kuala Lumpur. Das Skigebiet hat derzeit fünf Liftanlagen, darunter auch moderne Highspeed-Sessel, die ein gutes Dutzend Pisten versorgen. Was die Schwierigkeit dieser angeht, erreicht nicht wirklich eine europäischen “schwarzen” Status, allerdings stehen bei guter Schneelage einige Treeruns zur Verfügung, die sehr reizvoll aussahen. Leider war bei meinem Besuch nur Kunstschnee vorhanden, mit einer dünnen Schicht Neuschnee auf dem Rest des Berges. An Ausflüge abseits der Pisten war nicht zu denken. Da man nach China nicht unbedingt seine eigene Ausrüstung mitnimmt, galt es zunächst Boots und Stöcke auszuleihen. Ski waren aufgrund der ISPO On-Snow Demo ausreichend vorhanden – vielmehr noch: Die neuesten Modelle für 2014-15 warteten darauf getestet zu werden. Leider waren die vom örtlichen Skiverleih angebotenen Skiboots trotz des vielversprechenden Namens darauf völlig ungeeignet. Maximal Flex 60 stand zur Verfügung, die meisten Boots in miserablem Zustand mit beschädigten Schnallen und hygienisch zweifelhaft. Da ich meine eigene Regel, niemals ohne eigene Boots zu verreisen, dieses mal nicht beachtet hatte, blieb mir aber nichts andere übrig, als meine geliebten Skisocken nach den beiden Skitagen feierlich zu entsorgen… Die Ski und Snowboards im ISPO-Test waren hingegen das Beste und Neueste, was man sich wünschen kann: K2, Armada, Head, Nordica, Nitro, elan, Rossignol, Movement, Black Diamond und Völkl waren unter anderem mit ihrer Hardware vor Ort. Bei der Bindungseinstellung wurde gleich wieder etwas auffällig: Noch ist in China wohl nicht bekannt, wie man eine Leihbindung genau einstellt. Von der simplen Sohlenlängenanpassung bis zum Z-Wert sollte man im normalen Verleih wie auch bei Tests in China lieber selbst Hand anlegen oder nachbessern. Dies bewiesen letztendlich auch die vielen einheimischen Skigäste, die völlig aus dem Blauen immer wieder mitten im Schwung aus ihren Bindungen fielen, was bei der Beobachtung aus dem Lift des Öfteren aufgrund der Situationskomik und Häufigkeit für Lacher sorgte. Sicher dauert es aber nicht mehr lange, bis auch hier das nötige Knowhow Einzug hält. Dies gilt auch für die vielen Spielarten unseres Lieblingssports. Tourengehen oder Schneeschuhlaufen, zum Beispiel, ist wohl noch völlig unbekannt. Entsprechend groß war das Interesse der angereisten Händler, Medien und auch Privatpersonen, als Skilegende Glen Plake himself und seine Frau Kimberly , die für die Sponsoren elan, Salewa und Julbo schon auf der ISPO BEIJING anwesend waren, auf der Demo auftauchten und kurzfristig einen kleinen Kurs auf die Beine stellten, bei dem Funktion und Nutzen von Fellen, Tourenbindungen sowie Schneeschuhen demonstriert wurden. Kurzerhand bewegte sich ein Tross, angeführt von Glen und Kimberly, über die Piste nach oben, gefolgt von einer eindringlichen Erklärungs- und Demonstrationsrunde an der Mittelstation.

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Testareal an der Talstation

Aber jetzt kurz noch zu Wanlong selbst: Wer schon einmal am Sudelfeld in den bayrischen Alpen war, der kann sich den chinesischen Olympiabewerber gut vorstellen. Sanfte Hänge von leicht bis mittelschwer, ein paar Waldstücke (wie erwähnt), gut präpariert, angenehme Breite, Beschneiung, ein Restaurant am Berggipfel und eine große Talstation mit Verleih, Shops und Selbstbedienungsrestaurant…. alles in allem gut aufgestellt, aber nicht sehr anspruchsvoll. Was die Frage aufwirft, wie hier Olympiastrecken realisiert werden sollen. Die angesiedelte Hotellerie dagegen bereitet sich bereits auf größere Menschenmassen vor. Direkt an der Talstation wird derzeit ein großer Luxushotelkomplex gebaut, der das bisher einzige Hotel direkt am Berg, das Shuanglong, das übrigens einen Wellnessbereich mit eigenen natürlichen, heißen Quellen aufzuweisen hat, in seinen mächtigen Schatten stellt. Weiter unten im Tal, in Chongli, gibt es bereits zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten inklusive einem voll ausgebauten „Skiort“ mit allen Annehmlichkeiten. Die uns begleitenden Einheimischen bemerkten immer wieder, dass Wanlong sozusagen das „Luxus-Skiresort“ der Region ist – die Skipässe sowie alles andere seien hier deutlich teurer als in den restlichen Gebieten. Auf der Rückseite des Berges befindet sich übrigens gleich das nächste Skigebiet mit dem schönen Namen Secret Garden. Wer Abwechslung sucht, kann diese also haben.

Skifahren in China… Ein Wunsch auf der Liste, der nun zwar abgehakt ist, aber durchaus Lust auf mehr macht. Ein paar Flugstunden nordöstlich von Peking soll es laut Aussage meiner neuen chinesischen Ski-Buddies einige Skiorte von einem ganz anderen Kaliber geben. Insofern kommt nun doch wieder etwas Neues auf die Liste: Skifahren in China nämlich…

Vielen Dank an die Messe München GmbH/ISPO BEIJING und alle Beteiligten für die Unterstützung bei dieser Reise.

Alle Fotos und Text © RoadTrip/Wolfgang Greiner

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